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Die Hauptstadt der Dummheit

Wer könnte besser über das babylonische Geschichtsgewirr einer Stadt wie Jerusalem schreiben, als einer aus dem Klan der Montefiore, die sich, wenn auch nicht in direkter Linie, von Moses Montefiore herleiten, einem der Wegbereiter des Zionismus?

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Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore, der schon mit fundierten Werken zu Stalin aufgefallen ist, nimmt sich in Jerusalem. Die Biographie der nicht eben einfachen Geschichte des Nahen Ostens an, mit all den religiösen Eifersüchteleien und Metzeleien, die mehrere Jahrtausende im Brennpunkt der Dummheit so mit sich bringen.

Und es ist in der Tat eine Abfolge der abscheulichsten und zugleich blödsinnigsten Ereignisse, die unsere gesamte Geschichte kennzeichnen, eine absurde Verquickung von Gewalt, Macht, religiösem Eifer und unbegreiflichen Massen fundamentalster Dummheit.

Vorteil des Textes von Sebag Montefiore ist zweifelsohne die noble Indifferenz zu den drei Religionen und den Dutzenden von Sekten, die sich just diese Stadt zum Mittelpunkt ihrer eifersüchtig bewachten Exklusivitätsstandpunkte auserkoren haben.

So scheint es gekommen zu sein, dass zu allen Zeiten leider eine nicht unerhebliche Zivilbevölkerung unter den Übergriffen der einen auf die anderen zu leiden hatte und noch hat, obwohl es auch wahrscheinlich ist, dass es einen unbeteiligten friedlichen Teil ebendieser Bevölkerung niemals wirklich gab. Sie steigen einander mit Vorbedacht auf die Zehen, schieben die Grenze der Provokation fortwährend aufeinander zu – und rufen dann ihre auswärtigen Schutzmächte zu Hilfe. Das hat sich in mehr als zwei Jahrtausenden kein Jota verändert.

Alles in und um Jerusalem ist von außen getrieben. Dass der Staat Israel heute dominiert, ist nicht zuletzt von Entwicklungen in ganz anderen Weltgegenden hervorgerufen worden; dass die vormals ansässige palästinensische Bevölkerung von den Juden verdrängt wird, ist aber angesichts eben dieser langen Geschichte wechselseitiger Vereinnahmungen nicht weiter verwunderlich. Dieses vermeintlich Heilige Land gehört ganz offenbar niemandem, jedenfalls zu kaum einer Zeit für lang.

Wenn man aber bei dem stets genau informierten Sebag Montefiori nachliest, lernt man, wie unsinnig die Streitereien allesamt im Grunde sind. Die konkurrierenden Religionen bilden die mächtigen Fronten, aber auch innerhalb der großen Blöcke, und im Speziellen zwischen den christlichen Konfessionen, herrscht beständig eine Form von Krieg. Und es schein absolut gleichgültig zu sein, wer grade obenauf ist, stets folgt darauf die Unterdrückung der anderen oder zumindest einiger von ihnen.

Man kann daraus den Schluss ziehen, dass Religion ohne Feind nicht funktioniert, zumindest nicht in ihren monotheistischen Ausprägungen. Nun ja, wen kümmert’s. Glaube ist Dummheit und Jerusalem ist ihre Hauptstadt.

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