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Verzicht auf Geistesblitze

Die Wiener Festwochen ehren dies’ Jahr Alban Berg, und so gibt es nach dem Wozzeck im Mai nun auch die Lulu: die Inszenierung von Peter Stein stammt aus dem letzten Jahr und wurde für die Opéra de Lyon entwickelt. Sie zeichnet sich durch stringentes Erzählen und recht konventionelle Figurenzeichnung aus – was auf der Bühne passiert, kokettiert mit schwüler Erotik, ohne jemals die Grenzen des Schicklichen zu verlassen, und ist ansonsten eher fad.

Die Fassung ist die mit dem von Friedrich Cerha komplettierten dritten Akt, gespielt mit etwas zu viel Druck vom Mahler Chamber Orchester unter Daniele Gatti. Sein Dirigat treibt bisweilen die Sänger vor sich her.

Die Lulu der Amerikanerin Laura Aikin ist versiert gesungen, auch und gerade in den vielen hohen Tönen, die Berg ihr in die Partitur geschrieben hat, noch flüssig und präsent. Darstellerisch passt sie ins Konzept von Peter Stein, sie füllt die Rolle aus, doch ohne jemals glaubwürdig zu sein: diese Lulu ist niemals ein tiefgründiges Mädchen, sie ist immer die ausgepichte Kokotte.

Vom Nebenpersonal brilliert mit Abstand die Gräfin Geschwitz, eindringlich gesungen von einer eleganten Natasha Petrinsky. Blaß neben ihr Stephen West als Dr. Schön, jedoch vermögen die Tenöre jeweils zu glänzen: Thomas Piffka als Alwa und Roman Sadnik als der Maler.

Steins Inszenierung ist nicht weiter erwähnenswert, steht dem Gelingen aber auch nicht im Weg. Sie ist, wie auch Bühne und Kostüme, weitestgehend konventionell, verzichtet nicht nur auf Provokationen sondern leider auch auf Geistesblitze.

Man muss den Festwochen danken, dass sie dieses zentrale Werk der Zweiten Wiener Klassik wieder einmal ins Programm gehoben haben. Bergs Musik ist dicht, an einigen Stellen ein wenig zu kräftig musiziert, Cerhas dritter Akt fügt sich nahtlos ins Ganze, der Spannungsbogen hält bis zum Schluss: insgesamt also ein nahezu vollendeter Abend mit klassich-moderner Oper.

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