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Von redenden und stummen Zeugen

Er gehört nicht zu den Leuten, auf die man nicht ungeschaut verzichten könnte: nicht bloß, weil es hier keinen Thron mehr gibt, den er besteigen könnte; auch, weil er ein unerträglicher Geschichtsverdreher ist. Und da redet man noch gar nicht davon, dass er sich namens seiner Familie ungerecht behandelt fühlt.

Otto Habsburg schafft es auch immer mal wieder, sich ins rechte Licht zu rücken: bei einer Gedenkveranstaltung der ÖVP durfte ausgerechnet der Sohn des allerletzten Kaisers reden. Und was er sagte, war – zum mindesten – Geschichtsfälschung, wenn es nicht noch anderem, üblerem Hintersinn diente:

Wenn es immer wieder blamable Diskussionen darüber gibt, ob die Österreicher Mitschuldige oder Opfer waren, dann muss ich sagen, dass es keinen Staat in Europa gibt, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen!

So etwas kann man wirklich nur sagen, wenn man den Konsens der historischen Wissenschaft zur – noch gar nicht so fernen – Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts böswillig (oder einfach nur ignorant?) über Bord wirft. Dieser Habsburg war dazumal Exilant, braucht sich also, im Gegensatz zu vielen, die damals im Reich geblieben waren, heute nicht selber zu verharmlosen, indem er mit dem Ganzen sich mit meint.

Vielleicht sollte man dem Herrn sein doch schon fortgeschrittenes Alter zugute halten – oder die degenerativen Einflüsse hochadeliger Blutverdünnung, was weiss man. Vielleicht aber hat er das Manuskript verwechselt und es war eins, das für das Veteranentreffen am unseligen Kärntner Ulrichsberg vorbereitet lag.

Wenn irgendwo ein großer Rummel ist, dann kommen viele und jubeln. Wenn man von den 60.000 am Heldenplatz spricht – bei jedem Fußballmatch sind auch 60.000!

Das klingt wie aus einer Neonazi-Schulungsfibel! Dabei gibt es – druckfrisch im Christian Brandstätter Verlag – eine Bildchronologie zum Anschluss:
Anschluss - eine Bildchronologie von Hans Petschar
Die Bilder sind diesbezüglich recht eindeutig. Man muss also auch nicht dabeigewesen sein, so wie auch Herr Habsburg nicht dabei war. Ausserdem finden sich unzählige optische Parallelen zwischen Austrofaschismus und Hitlerei. Wenn man langsam genug hat vom Gebrüll der alten Stimmen, kann man sich ja zur Abwechslung diese Sammlung stummer Zeugen ansehen. Sie scheinen klarer bei Sinnen zu sein als ihre redenden Pendents.
Gewiss aber sollte man Leute, deren Erinnerungsvermögen noch funktioniert, eher zu Wort kommen lassen!

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