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Warum Europa?

Die Frage ist nicht bloss mehr als berechtigt, sie ist gewiss auch fällig: warum konnten gerade die Europäer einen so mächtigen Vorsprung vor den Bewohnern anderer Weltgegenden erlangen, dass sie diese einfach überrollen und für geraume Zeit unterjochen konnten, ja viele von ihnen an den Rand der Ausrottung bringen?

Der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond von der UCLA nimmt sich in Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften des Themas in mehr als profunder Weise an.

Die Grundfrage, warum manche Gesellschaften ausgehend von einem Gleichstand vor etwa 13.000 Jahren sich rasant bis ins Zeitalter der Raumfahrt entwickelten und andere demgegenüber in der Steinzeit verblieben, scheint zunächst in erster Linie ihre Antwort in eben diesen Menschen selbst finden zu wollen. Jared Diamond verneint dies von Anfang an.

Es sind die Chancen, die den einen gegeben sind, den anderen nicht. Chancen in vielerlei Gestalt, zuallererst in der direkten Lebensumwelt: denn es gab im sogenannten Fruchtbaren Halbmond – also jenen Gebieten Vorderasiens, die im heutigen Iran, Irak und der Türkei liegen – eine reiche Auswahl an Tieren und Pflanzen, die sich den damals lebenden Jägern und Sammlern zur Domestikation und damit zur Einführung ertragreicherer landwirtschaftlicher Lebensformen geradezu anboten. Und ebendieses Angebot fehlte in anderen Regionen beinahe ganz oder doch in seiner Breite.

Die meisten ertragreichen Kulturpflanzen unserer Tage stammen aus diesem Pool, sowie auch Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde – aber auch die Metallverarbeitung und die Keramik. Denn die Freisetzung von menschlicher Kapazität aus der Plagerei der Nahrungsgewinnung erzeugte einen Sog innovativer Neuerungen und Erfindungen, der im Grunde bis heute nicht angehalten hat.

Neben diesem Angebot ist es aber vor allem die relativ offene Ost-West-Ausrichtung Eurasiens, die ein Vordringen dieser ursprünglichen Kulturleistungen nach Europa ermöglichte, da hier keine differenzierten klimatischen Zonen zu überwinden waren wie etwa über den Äquator hinweg in den Süden des afrikanischen Kontinents. Nur so ist wirklich erklärlich, wie Afrika ein Kontinent zweier Geschwindigkeiten werden konnte, denn der Norden am Mittelmeer hatte immer schon Teil an der Kernregion westlicher Entwicklungsgeschichte.

Doch auch in China wurde früh und parallel zu Vorderasien die Entwicklung der Landwirtschaft begonnen, auch eine Vielzahl technischer Errungenschaften ist den Chinesen noch deutlich vor den Bewohnern Europas geglückt. Aber die Einheit und Geschlossenheit des chinesischen Reiches ermöglichte es eben auch, dass es von der Aussenwelt abgeschottet werden konnte, weil eine herrschende Elite sich das irgendwann als segensreich einbildete. So kam es zu der abstrusen Situation, dass bereits erreichte Stadien der Entwicklung und entwickeltes technisches Know How erneut in Vergessenheit gerieten.

Im zersplitterten Europa stand eine Vielzahl kleiner und mittlerer Fürstentümer und Königreiche jeglicher vergleichbarer Einhelligkeit im Wege – und beförderte so die rasante Entwicklung, denn Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Und in einer solchen Welt lassen sich auch Ideen nicht wirksam aufhalten, selbst wenn man dies wollte. Dem Papst tut das bekanntlich heute noch leid.

Das Buch leidet wie alle populäre amerikanische Wissenschaftsliteratur darunter, dass der Stoff im besonderen Bemühen um Anschaulichkeit bisweilen fast kindgerecht präsentiert wird; die bessere Lesbarkeit amerikansicher und englischer wissenschaftlicher Literatur ist per se ein Vorteil, nur sollte der Inhalt dabei nicht allzu stark verdünnt werden. Arm und Reich verliert diesen Pfad der Tugend bisweilen aus den Augen, auch werden die Kernthesen allzu oft wiederholt, vielleicht um es auch den Dümmsten leichter zu machen. Aber das nervt.

So profund die Überlegungen darin sein mögen, so wenig Material wird rund um die Thesen geboten – manchmal muss eine halbherzige Parallele aus der heutigen amerikansichen Lebenswelt herhalten, wo eigentlich statistisches Material aus der Geschichte angebracht wäre. Den durchaus nachvollziehbaren Thesen steht zu wenig Faktenmaterial zur Seite.

Es ist gut, dass man die gravierenden Unterschiede in der Entwicklung menschlicher Gesellschaften auch mit solchen Begründungen erklären kann, denn Hautfarbe, Rasse oder Schädelform – samt Gehirnvolumen – erwiesen sich schon in der Vergangenheit als trügerische Elemente der Weltsicht.

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