Was ich tat, da ich schwieg…

Kurz: Urlaub gemacht hab’ ich. Das beginnt wie jedes Jahr mit einem Haufen Arbeit, der vorher noch dringlich zu erledigen ist. So entsteht also die Sendepause schon vor dem Urlaubsantritt selbst. Und jetzt, nach der Rückkunft, gilt es, rasch die Zeit zu nutzen, denn natürlich hat sich schon wieder ein Berg Arbeit angehäuft.

Ich war, wie viele Jarh schon, in der Villa Tsapakis in Lendas auf Kreta. Das dekadente aber schöne daran ist es, dass alles dort genauso ist, wie ich es haben will. Und da das Klima auf Kreta nun mal um diese Jahreszeit zu außerordentlicher Hitze neigt, bleibt einem ja nur übrig, sich ein paar gute Bücher mitzunehmen und sich mit ihnen in den Schatten zu verkriechen.

Nichts desto trotz aber muss der Mensch auch von was leben – denn, wie sagte Baal (durch Brecht):

Genießen ist bei Gott nicht leicht!

Da ist es in Lendas (sowohl im Ort als auch heraußen in Dytiko) traditionell schon eher dürftig bestellt, die Küche der örtlichen Tavernen recht lieblos gehandhabt. Man stellt neuerdings den Bauernsalat, der früh morgens geschnippelt ward, im Kühlschrank bereit – was auf die an sich hier recht wohlschmeckenden Paradeiser fatale Wirkung hat. Der Segen ausgebauter Kühlkapazitäten erweist sich da als Schuß nach hinten.

Aber, welch Überraschung, neue Pächter am Cafe, das – zweites Novum – mit dem Versprechen eines Internetzugangs daherkommt. Also, nicht dass ich im Urlaub so große Sehnsucht nach dem Internet hätte, das Ding droht allenthalben mit Fluten von Emails… Aber es gibt eisgekühltes Bier frisch aus der Durchlaufkühlung, gezapft in eisgekühlte Gläser! Alles zurück, der Segen der Kühlung ist einschränkungslos anzuerkennen!

Noch dazu ergibt es sich, dass man hier sehr wohl noch weiss, dass nicht jedes Gemüse, noch dazu jene, die man roh zu verspeisen pflegt, der Kühlung bedürfen. Und noch etwas überrascht: Gunnar ist Deutscher, seine Frau Susi Israelin (mit deutschem Paß). Sie haben sich vor ein paar Jahren hier angesiedelt und machen nun ein Wenig zum Zeitvertreib auf Gastronomie… So klingt es jedenfalls.

Jedoch nehmen Susi und Gunnar ihr Metier sehr ernst. Man verhält sich zudem ganz und gar ungriechisch – oder in dem selten zu findenden Sinn ursprünglich griechisch:
Gastfreundschaft steht groß über dem ganzen Geschäft. Das ist schon nebenan nicht wirklich mehr so: man hat zwar gerne Gäste, in dem Sinn, dass das Umsatz bedeutet, schert sich aber recht wenig um deren Wohlbefinden. Die Preise sind offensichtlich nicht in erster Linie dazu da, einen Gegenwert zu finanzieren, sondern um ohne Murren gezahlt zu werden.

Es ist generell in dieser Ecke Kretas nichts wirklich teuer, und vieles ist auch noch sehr ursprünglich geblieben. Allein die Lieblosigkeit einiger Gastronomen wächst sich zu urlaubsbedrohenden Dimensionen aus. Da kommen uns natürlich Susi und Gunnar sehr gelegen:

  • als kleines amuse geule dient jeweils dies oder jenes, was grade an Besonderheit da ist: ganz junger Schafkäse, noch nah am Topfen eigentlich, ein paar in Olivenöl und mit viel Petersilie gebratene Karotten, die paximades, jener eigentlich steinharte Zwieback, der mittels Auflage von olivenöl, Paradeisern und Schafkäse mürbe gemacht wird, und so einiges mehr
  • frisches Gemüse für den Salat, das nicht aus einem der zahllosen Glashäuser stammt, die für den Export nach daheim produzieren, und auch sachgemäß gelagert und verarbeitet wird, sodass man wieder und wieder nur weinen kann, dass man solche Paradeiser und Gurken und Paprika eben nur mit ausreichend Sonne und langer Reifung am Strauch zusammen bringt, was bei uns gerade mal im Juli oder August hinzukriegen wäre
  • eine eigenwillige, für die Gegend gar nicht typische Zubereitung der Fische, gemehlt und in Olivenöl gebraten, mit Kräutern und Knoblauch, die mich glatt und gerne die sonst ortsüblichen angekohlten Exemplare vom Grill vergessen läßt
  • ein herrliches sanft im Ofen geschmortes Lamm, so weich, dass es auf der Zunge zerfällt, wieder unter Einsatz der so reichlich wildwachsenden Kräuter, dass man sich fragt, warum sie nicht häufiger schmeckbaren Eingang in die hiesige (Tavernen-)Küche finden
  • oh, und hausgebrackene Pittafladen, Flädchen, zarte Gebäcke aus Mehl und Öl und rein fast nichts sonst, die man sogar mit etwas jungem Schafkäse gefüllt kriegen kann

Einzig mit dem Moussaka hatte ich meine Schwierigkeiten, denn die Drübergabe von Käse – und vielleicht eine Spur zu viel Origano – machten daraus ein Gschmackserlebnis wie Pizza… Nun ja, einige Gäste mochten das.

Wir waren – mit zwei Franzosen aus dem Gebirge gleich bei Genf – die hauptsächlichen Stammgäste während zweier Wochen, da der Zustom nur langsam in Gang kommen wollte – generell, nicht nur in unserem Cafe. Eines Abends haben wir dann festgestellt, dass es schon sehr, sehr seltsam ist, dass hier tief in Griechenland zwei Franzosen und zwei Österreicher just bei einem Deutschen hochzufrieden speisen gehen – und man muss sagen: speisen, denn essen geht man hier ja allerorten.

Traurig ist allein, dass ich keine Ahnung mehr habe, welches Olivenöl wir da in Moires gekauft hatten: biologisch, von erlesener Farbe, so intensiv im Geschmack, dass ich es am liebsten mit frischem Weißbrot aufgetunkt habe – auch ganz ohne sonstwas. Etikett verschmissen, Name vergessen – wie das halt so geht.

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