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Geschichte des Stiefels

Auf die Reihe ist inhaltlich immer Verlass: der Reclam-Verlag lässt die Publikationen der Kleinen Geschichte von ausgewiesenen Experten oder kompetenten Kollektiven erstellen, die sich einem schlauen und tragfähigen Konzept unterordnen:

Für die Kleine italienische Geschichte zeichen als Herausgeber unt Mitautoren Wolfgang Altgeld und Rudolf Lill verantwortlich.

Die Darstellung beginnt aber zunächst mit dem Mittelalter, wobei jeder geschichtliche Anfang von Epochen oder Räumen mindestens diskussionswürdig ist, was auch Thomas Frenz in gebührender Kürze voranstellt. Bei Italien nämlich könnte sich diese kleine Debatte zu einer endlosen auswachsen, reichen doch die spezifischen Wurzeln von Völkern, Region und Kultur bis zu den Griechen und Etruskern zurück. Aber gut, hier beginnt Italien mit den Ottonen… Und für eine ganze lange Weile müssen die Italiener sich mit den Deutschen und später den Österreichern herumschlagen.

Dabei sind sie lange gar keine Italiener sondern Neapolitaner, Florentiner, Venezianer, Piemontesen, Mailänder und Untertanen des Papstes, alles andere als eine Nation im modernen Sinn, ja sie werden eine solche erst mit Verspätung, sieht man das im gesamteuropäischen Kontext. Allerdings machen gerade Mittelalter und Renaissance in Italien klar, warum hier keine diffuse Masse vorhanden war, aus der sich leicht ein Nationalgefühl schlagen ließ. Hier standen diffizile und differente Kulturen einander gegenüber, als man in nördlicheren Teilen des Kontinents noch ziemlich barbarisch sein Leben fristete.

Zugleich ist diese lange Geschichte einer der Kriege gegen- und untereinander, bald aber auch der Fremdherren, die um Einfluss auf dem Stiefel ringen. Standen einander einmal Papst und deutscher Kaiser gegenüber, so entstand ein weiteres Machtzentrum im Süden, als die Normannen Sizilien und Kalabrien zu einem eigenständigen Reich formten, das dann über Jahrhunderte der begehrteste Zankapfel der europäischen Großmächte Spanien, Frankreich und Österreich wurde, nicht zuletzt, weil sich von Süden her das territoriale Ausgreifen der Kurie gut in Zaum halten ließ.

Wie viele andere Mitspieler ist auch das Papsttum von überregionalem Format, zumindest die längste Zeit über, auch wenn die meisten Päpste Italiener waren. Ihre Einmischungen allerorten sind legendär – doch wird vor allem aus der italienischen Regionalgeschichte klar, worum es dabei hinter dem Mantel des Glaubens immer ging: die Mehrung des weltlichen Besitzstandes, namentlich des Kirchenstaates. Denn vermutlich wäre die Bedeutung Süditaliens eine mindere geworden und geblieben, eignete es sich nicht alleweil so gut dazu, die Ambitionen der Päpste quasi an der Heimatfront zu beschränken und sie an den Füßen zu kitzeln, wann immer sie sich zu sehr aufbliesen.

Darüber hinaus ist aber stets Oberitalien von Interesse für die europäische Machtpolitik gewesen. Wann immer sich Frankreich und Österreich in die Wolle kriegten, marschierten sie in die Po-Ebene und nach Piemont oder schickten ihre Bündnispartner Venedig, Mailand, Genua und Savoyen gegeneinander. Dass in ihrem Rücken die längst Zeit über der Türke ein immer größeres Bedrohungspotential aufbaute, erschien den einen recht und billig, den Franzosen und manchen Italienern, teils auch dem Papst, den anderen bisweilen vernachlässigbar, den Österreichern, zumal der Balkan noch nicht ihr privater Hinterhof war.

Heute ist Italien die viertgrößte Volkswirtschaft des Kontinents, aber am Chaos hat sich offenbar trotzdem nicht viel geändert. Da bringt das letzte Kapitel von Rudolf Lill Ansätze für ein Verständnis, warum offenbare Betriebsunfälle wie Berlusconi sich zu etablieren vermochten.

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