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Ein Hörereignis in szenischer Armut

Die Welt der Barockoper ist überreich an Stücken – es muss nicht immer Händel sein. Gut: der Venezianer Tomaso Albinoni ist hier – bis auf einige Instrumentalwerke – weitestgehend unbekannt, hat aber etwa 80 Werke für die Opernbühne verfasst.

Entsprechend zu danken ist es der Wiener Kammeroper, die sich regelmäßig um wenig gespielte Werke annimmt, sich auch dieser Gelegenheit nicht verschlossen zu haben.

Albionis Il Nascimento dell’Aurora ist eine festa pastorale, eine im Barock nicht unübliche Darbietungsform ohne Handlung und Dramatik – was auf einen ausgeprägten Hang zum Pomp sowie hinreichend gegerbtes Sitzfleisch schließen lässt.

Interessant der historische Hintergrund der Werkentstehung: mitten im Spanischen Erbfolgekrieg, in dem die Venezianer mit den Österreichern verbündet waren, beschenkte Venedig die Habsburger in Wien mit eben jenem Opus: neben einer zeitüblichen aufgebauschten Huldigung enthielt das Stück aber auch die dezidierte Aufforderung an Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, die Frau Kaiser Karls VI, doch endlich den ersehnten männlichen Stammhalter zu gebären – woraus bekanntlich nichts wurde, denn Karl musste das habsburgische Länderkonglomerat schlussendlich seiner Tochter Maria Theresia hinterlassen.

Weniger bemerkenswert ist die musikalische Seite: nette barocke Miniaturen, allerdings recht einförmig, reihen sich aneinander – neben Handlungslosigkeit und ausufernder Dauer das dritte Problem, das eigentlich eine szenische Umsetzung – als Oper – wenig geraten erscheinen läßt. Man hat es allerdings dennoch unternommen, mit den erwartbaren Ergebnissen: eine schön gesungene und musizierte Perlenreihe, die in ihrer kompositorischen Einförmigkeit gediegene Langeweile verbreitet, stellt die Regie vor die im Grunde unlösbare Aufgabe, dem ganzen irgendeine Art von Leben einzuhauchen, da helfen auch ein paar putzige Ideen von Regisseurin Kristine Tornquist nichts.

Das Positive: der mittlerweile 82jährige Eexperte für Alte Musik René Clemecic und sein Clemencic Consort musizieren präzise und streng, arbeiten die kontrapunktisch verschlungene und dennoch melodienreiche Komposition klar heraus.

Blendend gesungen sind die Daphne von Krisztina Jónás sowie die Rollen der Countertenöre Gerhard Hafner (Zeffiro) und Armin Gramer (Apollo). Daneben klingt der Peneo von Wilhelm Spuller kratzig und inflexibel. Die Amerikanerin Solmaaz Adeli singt die Flora mit erfrischender Anmut.

Die Kostüme von Markus Kuscher sind barock inspiriert, jedoch allzu plakativ, die Bühne von Duncan Hayler ist schlicht leer, was zwar den minimalen Budgets der Kammeroper geschuldet sein mag, aber dennoch den Eindruck der Dürftigkeit nicht abzustreifen vermag.

So wenig das Werk für die Opernbühne taugt, so sehr ist seine Wiederentdeckung und Einspielung als Bereicherung des Repertoires zu rechnen:

René Clemencic’ Einspielung von Il Nascimento Dell’Aurora aus dem Jahr 2008 bietet hervorragendes Material zum Hören der komplexen Kompositionen Albinonis.

Damit hätt’ man es eigentlich bewenden lassen können.

Links: Kritiken in Presse, Wiener Zeitung und Standard sowie auf dem TAMINO-Klassikforum, die Kammeroper im Netz, die Homepage von René Clemencic.

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