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Ein zu spät gekommener Frühromantiker

Ist Richard Wagner der Anfang der Moderne? Schon eher, wie Franz Welser-Möst sagt,

der Nullpunkt der Moderne

und das ist bekanntlich etwas ganz und gar anderes. Wenn wir zunächst einmal von der Musik sprechen wollen – so steht Wagner an der Schwelle zur Moderne, doch hat er sie niemals überschritten.

Wagner ist sozusagen der Dissolutionspunkt der Romantik – da, wo sie sich aufhört. Dabei schliesst er gleichsam direkt an ihr frühestes Fühlen und Wollen an, als ob dazwischen einfach nichts gewesen wäre. Sein Drang nach Auflösung der festen Form entspringt der Erschütterung an Beethoven, dem als Vollender empfundenen, dem Unerreichbaren – dem ursprünglichen Grund, der Wagner zum Suchenden machte, zum Erlösungs-Sucher. Darin ist Wagner zuerst einmal ein Zuspätgekommener. Einer der Generation Post-Beethoven.

Freilich ist das nur die eine Seite: die andere ist die bittre Enttäuschung des Revolutionärs Wagner. Er hat Zeit seines Lebens nicht verwunden, dass sich die neue Welt – zumindest in Sachsen – nicht begründen ließ. Und das ging bei ihm so weit, dass er sich schlussendlich in die fernste Vergangenheit zurück gezogen hat.

Was manche Kritiker und Spötter schon dazumalen höhnisch Zukunftsmusik nannten, ist eine Grundlagenschwäche: Wagner wäre als Komponist gar nicht in der Lage gewesen, die Musik seiner Zeit weiter zu entwickeln. Er ersetzte, was bei einem anderen Handwerk gewesen wäre, durch Gefühl. Nicht unähnlich Schubert, nur dass der ein ganz ausgeprägtes Sensorium für Melodien hatte – und die auch länger als ein zwei Takte durchzuhalten vermochte.

Immerhin hat Wagner aus dieser Not die – unbestrittene – Tugend des Leitmotivs gemacht, aus der er durch dichtes Verweben und Verklöppeln schlussendlich die Götterdämmerung verfertigte.

Womit wir bei der Erlösung wären: hier wird gleich das ganze Universum erlöst. Das dankt sich dem Einfluss von Nietzsche, der Wagnern den Schopenhauer anempfahl. Und prompt konvertierte der Meister vom Optimisten ins glatte Gegenteil. So entwuchs die Utopie einer alles ins Gute wendenden sozialen oder gar sozialistischen Revolution dem Adoleszentenalter und entpuppte sich als ausgewachsene Dekadenz.

Ist Wagner überhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit? Er macht alles krank, woran er rührt, – er hat die Musik krank gemacht –

soweit jedenfalls Nietzsche, der einstige Bewunderer und nachmalige Überwinder.

Der Ring ist eine Enttäuschung: er hat kein eigenes Leben ausserhalb der Interpretation. Was nicht hinein-geheimnist wird, ist auch nicht drin. Die Handlung ist ein hohler Topf, der nicht klingen will, eh’ man nicht was hineintut, das scheppert und rasselt und sich auslegen läßt.

Das gilt voll und ganz von der Geschichte, die Wagner da verwurstet hat – aber auch von der Musik: sie ist auf die Evotion leiblicher Zustände hin komponiert. Deswegen wohl wächst sie sich auch bei so vielen Menschen zu so fiebriger Inbrunst aus – sie wabert und wubbert, wellt und wogt, eiert und popeiert, und haut mit Hotohohojo drein. Grosse Gefühle, grosse Empfindungen evoziert der Meister, der wahre Hysteriker der Musik – dem seine Musik nie nur Musik sein durfte, sondern stets mehr zu sein hatte.

Auch hier also: nichts geht ohne Interpretation, kein Klang ohne theoretische Zuwaag’. Schliesslich: wenn sie für sich nicht steht, dann muss sie doch was bedeuten. In dieser Hinsicht zumindest weist Wagner in die Moderne, ja noch in unsere Zeit voraus, zu jenen Komponisten, die ohne Leitfäden erst gar nicht zu hören sind.

Der Romantiker Wagner aber sehnte sich nach dem Ursprünglichen, Einfachen, Klaren. Der Handwerker in ihm hat alles mehrfach verdreht und verbosselt. Er komponierte, wie Hegel schrieb.

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