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Human? Hanebüchen!

Oh ja, natürlich – darauf haben wir gewartet! Unser alter Freund Karl Marx, der mit der Revolution und der Diktatur des Proletariats, Sie wissen schon, der könnte jetzt neue Bedeutung erlangen

mit seiner Theorie einer humanen und herrschaftsfreien Gesellschaft

so befindet jedenfalls der Berliner Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann in seinem Buch Der Wiedergänger: Die vier Leben des Karl Marx:

Gemäß dem Motto Totgesagte leben länger, folgt der Historiker den bisherigen drei Leben Marxens: seinem eigenen, das nicht gerade erfolgreich verlaufen ist, der ersten Welle des Marximus, der sich zum einen in der von Marx selbst bekämpften Sozialdemokratie und zum anderen im katastrophalen Marxismus-Leninismus-Stalinismus – oder wenn man so will: real existierenden Sozialismus – verlaufen hat, bis zur westlichen Spielart des Neomarximus und der Kritischen Theorie.

Interessanterweise geht Wippermann mit allen hart ins Gericht, und niemand ist ihm je treu genug dem eigentlichen Wort und Werk von Marx – mit Ausnahme von Marx selber: der war natürlich brillianter Historiker, bewunderswerter Philosoph und tiefblickender Ökonom.

Für einen Historiker ist Wippermann bemerkenswert unkritisch, ja das andauernde Lobhudeln des großartigen Karl Marx wischt sogar husch-husch ein paar Fakten aus seinem Leben beiseite, etwa dass er es nicht in Berlin, wo er studierte, sondern nur über die Universität Jena, wo er nicht mal persönlich zu erscheinen brauchte, in absentia zum Doktor brachte: bei Wippermann wird’s zum harmlosen Histörchen aus den Jugendtagen eines großen Mannes – der sich aber nachher bei jeder Gelegenheit wie ein ernsthafter Doktor gebärdete und als einziger immer recht hatte.

Ich habe mich mit den historischen Schriften Marxens nie beschäftigt, also lassen wir dem Historiker Wippermann die Ansicht, das seien brilliante Dinge gewesen. Ein nennenswerter Philosoph ist er allerdings nie gewesen, so sehr er sich zeitlebens auch in Wadelbeissereien gegen andere Philosophen – wie Feuerbach – geübt hat. Aber selbst wenn, die Geschichtsphilosophie ist eine Sackgasse geblieben.

Vor allem baut Wippermanns Hoffnung, aus diesem Marx könne nochmal was werden, auf seine angebliche Kompetenz als Ökonom auf. Das aber ist schlichtweg hanebüchen. Damit Wippermann nicht erwähnen muss, dass man Marxens Leistungen als Ökonom durchaus geringschätzt, kommt einfach kein einziger wirklicher Ökonom zu Wort. Selbst wohlmeinende nämlich, etwa Joseph Schumpeter, lassen wenig ganz an Marxens vermeintlich weltbewegender Theorie:

Festhalten an einem analytischem Apparat, der immer unzureichend gewesen war und in Marxens eigener Zeit rasch veraltete, – eine lange Reihe von Schlüssen, die nicht zwingend oder ausgesprochen falsch sind, – Irrtümer, die wenn richtg gestellt wesentliche Folgerungen ändern, manchmal in ihr Gegenteil, – all dies kann mir Recht gegen Marx, den theoretischen Techniker, vorgebracht werden. [Joseph Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. a. Franke, Tübingen 2005 (utb 172), S. 77]

Eugen von Böhm-Bawerk, einer der Begründer der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, hat schon vor dem Jahr 1900 die Grundlagen der Marx’schen Ökonomie auseinander genommen.

Denn es läßt sich feststellen, dass Marx die tatsächlichen Gegebenheiten schon seiner Zeit, als die Dinge noch weniger kompliziert waren, recht vereinfachend in sein Schema gezwängt hat und alles, was dem zu widersprechen drohte, einfach weggelassen. Denn es ging ihm niemals ernsthaft darum, über die Wirtschaft nachzudenken – sondern die Unausweichlichkeit der Revolution zu begründen, und zwar mit seiner fixen Idee, dass der Kapitalismus sich selber zerstöre. Nun ja.

Auch die Geschichte, die Wippermann ja lehrt, lehrt ihrerseits: es hat keinen einzigen sozialistisch oder gar marxistisch zu nennenden Versuch gegeben, der jemals auch nur halbwegs funktioniert hätte. Was also das Denken dieses Herrn Marx – der seinen Platz in der Historie der Philosophie und Ökonomie durchaus beanspruchen darf – für eine Zukunft leisten können soll, noch dazu in einer globalisierten Welt, in der die Dinge noch weniger einfach sind, wie sie es noch im England des 19. Jahrhunderts waren, ist nicht nachzuvollziehen.

Wirklich absurd aber ist es, Marx das Etikett human umzuhängen. Wer eine Revolution erhofft und herbeizuschreiben versucht, zu der es nur vermittels Gewalt überhaupt kommen werde, bei der Opfer als notwendig einkalkuliert sind, sollte mit dem Humanismus oder einer humanen Haltung nicht wirklich in Verbindung gebracht werden. Und über die klassenlose Gesellschaft des Sozialismus, die er als logische Folge dieser Entwicklung in die Zukunft projizierte, hat er sich niemals näher ausgelassen. Er wollte einfach nur, dass es kracht.

Ich kann nur wiederholen: man sollte eine Theorie, die schon dermassen katastrophale Folgen gezeitigt hat – und bei weitem schlimmere als man dem Kapitalismus je wird anlasten können -, in den Tiefen der Geschichte belassen, aber keinesfalls mit ihr auf die Gegenwart losgehen. Die Gefahr, dass das wiederum desaströs endet, ist nämlich extrem hoch; umgekehrt die Wahrscheinlichkeit, dass das jemand ein besseres Leben bringt, sehr gering. Daran sind nicht zuletzt die Menschen schuld. Nicht Marx. Aber man kann keineswegs behaupten, dass Marxens Theorie der notwendigen Revolution es nicht jedwedem Schurken leicht machte, andere zu knechten.

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