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Einsamkeit als Konzentration

Über Ludwig van Beethoven ist schon viel geschrieben worden, auch und gerade Biografisches. Dennoch mag man selbst bei guter Kenntnis des Marktes mit Bedauern feststellen, dass eine gute Biografie fehlt, die erstens den aktuellen Stand der Forschung widerspiegelt, zweitens sich der grassierenden Spekulation über die unsterbliche Geliebte möglichst enthält und drittens den Musiker Beethoven als zentrales Genie der abendländischen Musik zu Wort und Geltung kommen lässt, ohne deswegen allzu tief ins Musikwissenschaftliche abzugleiten. Gut, das wären aber auch nahezu unerfüllbare Anforderungen…

… wäre da nicht der Niederländer Jan Caeyers in die Bresche gesprungen, um genau diese Biografie zu schreiben: Beethoven: Der einsame Revolutionär. Der Dirigent und Musikwissenschaftler studierte in Wien und Löwen, arbeitete eng mit Abbado, Haitink und Boulez zusammen und ist heute Professor an der Universität in Löwen.

Caeyers ist bemüht, den Menschen Beethoven zur Geltung zu bringen, seinen Lebensweg vor allem rund um die musikalischen Entwicklungsschübe, die diese Künstlerbiografie mehrfach brechen und uns die Klassik in der klassischen Musik erst beschert haben, zu beleuchten. Dazu erweist es sich als notwendig, besonders auch jene Phasen in den Blick zu nehmen, in denen die Produktivität des Meisters scheinbar stagnierte, nichts weiter ging, die Produktion erlahmte. Doch der Autor macht klar, dass diese Phasen kreative Sammlungen waren für die folgenden Ausbrüche und Aufbrüche, an denen das kompositorische Schaffen des eingewienerten Bonners so reich war.

Zum Glück ist das allgemeine Verständnis inzwischen so weit gediehen, dass man nicht fortwährend auf den reichhaltig tradierten und offenbar liebgewonnenen Irrtümern und Verfälschungen herum zu reiten braucht, etwa dass Beethoven nicht mit Geld umgehen habe können oder wenig verdient habe, aber auch die ihm zu recht oder unrecht nachgesagten Weibergeschichten sind nicht wirklich interessant. Gehen wir einmal davon aus, er sei ein Mann gewesen und habe in seiner Zeit getrieben, was Männer so trieben. Das ist nicht weiter von Belang.

Schülerinnen, angebliche Geliebte und tatsächlich angebetete Frauen haben in seinem Werk in den Widmungen vieler Stücke ihre Spuren hinterlassen, aber sie waren wohl kaum konstitutiv für Beethovens Musik. Der widmet Caeyers immer wieder klärende Einschübe, wenn es darum geht, das besonders Neue oder Bahnbrechende im Schaffen zu illustrieren, wann immer die eng verwobenen Fäden von Leben und Produktion Überzeitliches hervorbringen.

Fern davon alles und jedes, das Beethoven geschrieben hat, zu kommentieren, führt der Autor doch durch das Werk, nicht ohne die vom Komponisten nicht einmal einer Opuszahl für würdig befundenen Werke da zu erwähnen, wo sie im Gegensatz zu den heute für wesentlich erachteten Schöpfungen Geld und internationalen Ruhm einbrachten, weil eben auch zu Zeiten des Wiener Kongresses – oder vielleicht just damals – das Populäre schon fröhliche Urständ’ feierte.

Auch Beethovens Ausflüge in die Gefielde des Staatskünstlertums entgehen nicht der kritischen Betrachtung: ein Erzherzog, der entgegen jeglicher Qualifikation zum Erzbischof von Olmütz geweiht wird, welchem bahnbrechenden Ereignis wir immerhin die Komposition der Missa Solemnis verdanken, vertrottelte, verschwenderische, bankrotte Aristokraten von Lichnowski bis Lobkowitz, von Stackelberg bis Rasumowski, sie machen für einen guten Teil seines Lebens die finanzielle Basis des Komponisten aus, mit allen Unwägbarkeiten, die das indirekte Lakaientum mit sich bringt. Immerhin steht aber Beethoven nicht mehr im Status des Bedienten wie weiland Joseph Haydn beim alten Eszterhazy.

Über früher Anerkennung als Virtuose am Klavier und die Erfolge der leichten Muse bis zum Unverständnis gegen den Komponisten von neuester Musik bleibt diesem Menschenwesen nichts anderes übrig, als sich in eine sture Einsamkeit einzuspinnen, die erst jene strenge Konzentration ermöglicht, aus der sich das Voranschreiten auf revolutionären Pfaden speist.

Ein komplettes, kompetentes aber immer gut lesbares Buch ist es geworden. Der Autor schenkt sich irrelevante Erörterungen, konzentriert sich immer wieder schnell ganz auf den Musiker, der ja selbst sein Leben ganz und gar der Musik verschrieb. Ganz nebenbei gelingt es, einige zentrale Stücke, die nicht so sehr im Zentrum des Publikumsinteresses stehen, gebührend zu würdigen. Das ist schon ein Wert für sich, den diese Biografie für sich in Anspruch nehmen darf.

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