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Biografie eines Karrieresoldaten

Der Drecksack General Paulus – so kommt das Echo der Nachkriegseinschätzung im Westen Deutschlands bei einem ihrer fundamentalen Kritiker an, dem linken Liedermacher Franz Josef Degenhardt.

In der BRD musste man dem General nicht vergeben, dass er in Stalingrad kapitulierte – er hatte sich anschließend auf Seiten Stalins und der DDR gestellt, womit man im Westen bruchlos von der Verachtung aus strammem Nazismus zu der aus hysterischem Antikommunismus übergehen konnte. Dieselben hitlertreuen Chargen konnten so bei ihrer giftigen Ablehnung bleiben.

Dabei ist dieser Friedrich Paulus, Musterbeispiel eines deutschen Offiziers von der kaiserlichen Armee bis zur Wehrmacht, wohl der einzige gewesen, der nicht nur seinen Soldaten befohlen hatte, bis zum letzten Blutstropfen auszuharren und dabei wenn nötig zu erfrieren, sondern der das hinterher bedauert und eingestanden hat.

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Der Autor selbst, Torsten Diedrich, ist in der DDR mit ihrer massiven historischen Wahrnehmungsbeeinträchtigung groß geworden, er promovierte zum Ende hin 1989 am Militärhistorischen Institut der DDR und hat sich seither vornehmlich mit den militärhistorischen Aspekten der zweiten deutschen Diktatur beschäftigt.

Paulus – Das Trauma von Stalingrad: Eine Biographie räumt daher auch dem Leben Paulus‘ nach Stalingrad breiten Raum ein, sowohl der persönlichen Entwicklung in der langen Gefangenschaft als auch nach der ‚Heimkehr‘ in die DDR. Wie viel davon einer Rationalisierungsstrategie der eigenen Anpassung geschuldet sein mag, steht dahin. Der General – der an einem der letzten Tage im Kessel kurz vor der Kapitulation noch zum Feldmarschall ernannt worden war, um ihm aus deutschem Ehrgefühl heraus eben den Weg in die Aufgabe abzuschneiden – kommt aber insgesamt recht gut weg.

Interessant macht dieses Leben der einzigartige tiefe Einblick in die Karriere eines brillanten Strategen, dem dieser weitreichende Erfolg keineswegs in die Wiege gelegt wurde: als bürgerlicher tat er sich nicht nur in der wilhelminischen, sondern auch in der Weimarer und später in der Nazi-Wehrmacht schwer mit den im Generalstab eingesessenen preußischen Junkerdynastien.

Seinem strategischen Talent und einem schier endlosen Arbeitspensum dankte der junge Offizier nach dem ersten Weltkrieg den Aufstieg bis in höchste Regionen der zunächst arg gestutzten Reichswehr. Und er stieg auch unter Hitler immer weiter auf, bis er schließlich im Oberkommando des Heeres für die Planung des Angriffs auf die Sowjetunion 1942 verantwortlich zeichnete, die schlussendlich auch das Ende seines aktiven Dienstes besiegeln sollte.

Der Autor bemüht sich akribisch, die Fakten aus der Zeit von den Zurechtrückungen nach der Zeit zu trennen, die so manchen Blick geschickt verstellen und so manches Urteil zu trüben versuchen. An General Paulus sind keinerlei Skrupel festzustellen, weder dem Feind noch den eigenen Soldaten gegenüber, solange er in irgendeiner seiner Funktionen dem hitlerschen Expansionismus diente. Er betrachtete stets die militärische strikt getrennt von der politischen Domäne, und zog sich somit in den sattsam bekannten psychologischen Bunker der militärischen Entscheidungsträger zurück.
Paulus soll nach der Übernahme der 6. Armee für seinen Kommandobereich den sogenannten Kommisarbefehl – sofortige Hinrichtung von politischem Personal der Roten Armee – außer Kraft gesetzt haben. Maximal scheint dabei aber herausgekommen zu sein, dass damit seinen Unterführern die Entscheidung darüber, wie sie hiebei zu verfahren gedachten, anheimgestellt wurde. Das Ganze passt in seine generelle Entscheidungsphobie: weder konnte er einen Angriff zeitgerecht befehlen, sodass er stets von einem Draufgänger als Stellvertreter ergänzt werden musste, damit überhaupt etwas weiter ging, noch vermochte er sich im Moment, als der Kessel von Stalingrad sich um seine gesamte Armee zu schließen begann, zu irgendeinem Schritt durchzuringen.

Im Weg stand ihm dabei sicherlich die intime Kenntnis der Situation im Generalstab, von dem er einerseits annahm, dass man dort besser über die Gesamtlage bescheid wisse als er das isoliert in seinem Abschnitt überblicken könne, und andererseits mit keinem Gedanken vermutete, dass man ihn samt seiner mehreren hunderttausend Mann ganz einfach der Sturheit des Größten Führers aller Zeiten opfern würde. An diesem Dilemma arbeitete er sich post festum die meiste Zeit seiner dreizehnjährigen Gefangenschaft ab.

Erst mit der Nachricht, dass im Frühsommer 1944 ein Teil der Armee gegen Hitler zu putschen versucht habe, schloss er sich jenen Kräften in der sowjetischen Gefangenschaft an, die offen gegen Hitler auftragen – was aber keinerlei messbare Wirkung auf die Deutschen auf der anderen Seite zeitigte.

An manchen Stellen übertreibt der Autor aber fast unappetitlich: da tut ihm der General leid, weil er an einem bestimmten Tag das letzte Mal seiner Frau gegenüber stehen konnte, und späterhin, weil sie gegen Ende seiner Gefangenschaft verstarb, ohne dass er sie jemals wieder gesehen hätte. Der Autor bedenkt in seiner Gefühlsduselei keine Sekunde lang, dass derselbe General genauso viele eigene Soldaten hat verhungern und erfrieren lassen wie nachher in sowjetischer Gefangenschaft umkommen sollten. Von denen hat dann auch keiner mehr seine Frau und Familie wieder gesehen, im Gegensatz zu ihnen hatte aber der General immer auch andere Optionen. Mitleid ist sicher die letzte Kategorie, die hier Anwendung finden darf.

Ein gutes hat aber diese Biografie eines Karrieresoldaten: man ist zuinnerst froh, dass heutzutage Soldaten und Offiziere, bis hinauf zu den Goldfasanen, eher gesellschaftliche Witzfiguren sind als eine hochgeachtete Kaste. Vor allem scheint das Militär, jedenfalls in unseren Breiten, nicht mehr die besten Köpfe anzuziehen. Nicht dass Idioten weniger gefährlich wären… aber wir sollten ehern dabei bleiben, sie in keiner Weise ernst zu nehmen.

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