Religion in biologischer Sicht

Der Versuch, Religion zu erklären, kann mit unterschiedlichen Methoden und Zielsetzungen verfolgt werden; es könnte ja sein, dass sie zu etwas gut wäre; genauso könnte es sein, dass sie ihre Entstehung einer vergangenen Situation verdankte, die heute nicht mehr relevant ist. Vom Wühlen in derlei Fragen verspricht man sich in der Regel eine Antwort für das Heute.

Wenn allerdings ein Biologe auf das Thema losgeht, kann das eigentlich nur in einem von zwei Extremen gründen: da ist jemand trotz wissenschaftlicher Ausbildung nicht frei von Irrationalität – oder er versucht, die Irrationalität mit den Methoden der Ratio zu bändigen. Zum Glück gehört Andreas Kilian zur zweiten Gruppe, sonst hätte ich wohl sein Buch Die Logik der Nicht-Logik: Wie Wissenschaft das Phänomen Religion heute biologisch definieren kann erst gar nicht angelesen. Es gibt nichts Uninteressanteres als die verzweifelten Rationalisierungsversuche gläubiger Menschen. Die dürfen sie – was mich betrifft – getrost für sich behalten.

Interessant ist aber der Versuch, dem Phänomen Religion – ohne dass von vorn herein überhaupt feststünde, was denn damit gemeint wäre – aus dem Blickwinkel der Evolution zu Leibe zu rücken. Das setzt – schnell mitgedacht – wohl voraus, dass Religion offenbar eine positive Funktion in der Selektion gehabt haben muss, sonst wäre sie erst gar nicht auf uns gekommen, nehme ich mal an.

Andreas Kilian beginnt daher auch mit einer Annäherung an die Begrifflichkeiten: zunächst sind Religion, Religiosität, Mythen, Glauben, Glaubensgemeinschaft, Spiritualität, Moral und Ethik voneinander zu scheiden und mit wissenschaftlicher Akuratesse zu definieren. Das sumpfige Bedeutungsfeld, in das man sich sogleich verstrickt, wenn man das R-Wort nur erwähnt, muss erst mal trocken gelegt werden; klare Begriffe tun not, das ist schon mal die erste Schwierigkeit. Und auch die erste wirkliche Hürde, an der die Geister sich scheiden.

Denn allein die Begriffsbestimmung ist schon eine Vorentscheidung: wenn Kilian findet

Religionen basieren auf artifiziellen Konzepten spiritueller Vorstellungen

dann wirbelt er damit natürlich von Beginn an Staub auf. Das Wort Vorstellungen muss vielen Leuten bereits zu viel des Relativismus sein, mit artifiziellen Konzepten schließlich gehen Wahrheits- und Alleinigkeitsanspruch sang- und klanglos unter. Hier spricht profunder Unglaube.

Die Nicht-Logik spielt dabei eine entscheidende Rolle. Es ist für den Anspruch auf Deutungsmacht wesentlich, dass religiöse Fragen nicht etwa durch eigenes Nachdenken gelöst werden können, sondern der Interpretationshoheit eines Vorstehers unterliegen. Haben Alphatiere die tatsächliche Macht in den Gruppen, erschleichen Beta-Tiere sich in ihrem Schatten mithilfe herrschaftsstützender Argumentation eine zentrale Einflussposition. Religion ist Beta-Tier-Strategie. Die gleichzeitige Definierbarkeit und Nicht-Definierbarkeit zeichnet religiöses Argumentieren aus: wir wissen, dass wir manche Fragen lieber nicht ernsthaft beantwortet haben wollen. Wer vermutet, dass nichts dahinter stecken könnte, ist bereits ausgestiegen.

Wenn es denn eine dem Menschen eigene Disposition gibt, die sozusagen einem Bedürfnis entspricht, dann ist es freilich eher die Spiritualität als die Religion.

Spiritualität ist die neuronale Generierung individueller Antworten zu generellen Ursache-Wirkungs-Mechanismen des bekannten Universums unter unbewusster Zuhilfenahme von Ich-Bezogenen Denkschemata.

Denn natürlich sind wir uns selbst das Wichtigste im Universum, auch unsere Götter sind demnach auf uns ausgerichtet. Mit anderen Konzeptionen können wir spirituell nichts anfangen. Und: Religionen sind Kulturfolger – sie konstituieren nicht die Kultur, sie treten in ihrem Gefolge auf, so die wohltuende These. Da bleibt zu hoffen, dass sie sich auch über das im Buch gesagte hinaus im alltäglichen Gebrauch erhärten ließe.

Bei all dem ist Andreas Kilian keineswegs für die Abschaffung der Religionen – wohl weil er zu gescheit ist, als dass er Unmögliches einforderte. Er beschließt sein Buch vielmehr mit dem Appell, sich bei Interesse mit verschiedenen Religionen, und nicht nur den etablierten anerkannten Glaubensgemeinschaften, auseinander zu setzen. Und er enthält sich jeglicher Prognose, was dabei realistischerweise herauskommen kann.

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