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Hier kommen Freiheit und Sinnhaftigkeit zu Wort

Das Geschäft des Philosophen ist recht eintönig. In steter Regelmäßigkeit gilt es wiederzukäuen, was andere schon ausgespuckt haben. Und doch, scheint es, muss jeder denselben Brei aufs Neue durchkauen. Aber es ist genau so schön wie Die Ritter der Kokosnuss beim hundertsten Mal…

Zum Thema Freiheit ist von philosophischer Seite schon so viel gesagt worden, dass man eigentlich dazu übergehen könnte, mal darauf zu warten, was die Neurowissenschaften ans Licht bringen. Das wäre doch mal eine kreative Herangehensweise.

Was soll man also davon halten, wenn einer den alten Hegel wieder ausgräbt und produktiv zu machen versucht?

Ja, den Hegel: Geist, Geschichtsphilosophie, Dialektik. So angestaubte Hüte, dass sie vor allem bei denen beliebt sind, die auch vor Marx nicht zurück schrecken. Und die Frankfurter Schule ist ja auch nicht eben bekannt dafür, in dieser Richtung Berührungsängste zu haben.

Wenig erstaunlich ist es daher, dass das derzeitige Haupt der Frankfurter Schule, Axel Honneth, der auch der aktuelle geschäftsführende Direktor des legendären Instituts für Sozialforschung ist, sich zu Hegel zurück begibt, um dessen Rechtsphilosophie einer Aktualisierung zu unterziehen – ein Projekt, das er ja schon mehrfach angegangen ist.

In seinem neuen Text Das Recht der Freiheit: Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit lässt sich jedoch erleben, wie so ein alter Fetzen plötzlich in neuen Glanz erstrahlt: es ist dann auch nicht mehr eigentlich Hegel, so ohne den Geist und ohne die misslungene Geschichtsphilosophie, auch ganz ohne dialektische Tricks.

Und doch hält Honneth sich getreulich an die Methode des alten königlich preußischen Universitätsprofessors. Der geht nämlich davon aus, dass einer Analyse von moralischen Begriffen das Fundament eben der Gesellschaft, in der die moralischen Subjekte leben, zugrunde zu legen wäre.

Das ist wohltuend vernünftig – ohne diesen Begriff auf Hegel zurückgeführt wissen zu wollen. Es macht ganz einfach unglaublichen praktischen Sinn.

Zu welche Kapriolen der gegenteilige Weg führen kann, vom hohen Ross der normativen Setzung in die Niederungen der Realität herab, dass musste ich unlängst bei Ronald Dworkins Studie Was ist Gerechtigkeit? erleiden.

Nein, es macht wahrhaft Sinn, von dem Material auszugehen, das man hat. Und Honneth tut dies in einer sehr ehrlichen Weise, aller metaphysischen Hintertüren entkleidet seinen Hegel ziemlich nackt dastehen lassend.

Die Methode halt Charme: anhand der historischen Entwicklung von Hegels Epoche bis in die Gegenwart können die Möglichkeiten der Freiheit, wie Honneth sie nennt, in ihrer konkreten Entfaltung und gelebten Realität als ein Haus genommen werden, das man da und dort als renovierungsbedürftig betrachten kann. Es würde nämlich wenig bis gar keinen Sinn machen, Baumaterialien anzukarren, um ein neues zu bauen, wo schon eines steht. Von diesem kennen wir den Bauplan, kennen seine Statik und vor allem – seine Bewohner.

Das Konzept der Hegelschen Rechtsphilosophie sieht eine Untersuchung der drei grundlegenden Freiheiten vor: der rechtlichen, der moralischen und der sozialen.

Wo Hegel immer wieder stehen bleibt, weil er in Übernahme seiner Geschichtsphilosophie den besten möglichen Fortschritt zu seiner Zeit bereits erreicht sieht, übernimmt Honneth das weitere Geleit und führt die Analyse in die Gegenwart fort.

Dabei kommen zu den ersten beiden Möglichkeiten der Freiheit erstaunlich tragfähige Aussagen zustande, obgleich Honneth seine Bibliothek bevorzugt durch die linke Tür betritt.

Erst im Bereich der sozialen Freiheit erweist sich, dass Hegel wie nicht weiter verwunderlich, hoffnungslos von gestern war. Ihm sind Konzepte, wie sie heutzutage in Familien und zwischen den Geschlechtern herrschen (können), schlicht unvorstellbar.

In der ökonomischen Dimension kommt Hegel wie auch späterhin Marx in die Quere, dass sie ihre Zeit zwar nach besten Wissen zu diagnostizieren vermochten, ihnen aber jegliche Vorstellung dafür fehlte, welches Potential zu Verbesserung in dem geschmähten Popanz Kapitalismus im weiteren Verlauf dann doch noch steckte.

Bei der Öffentlichkeit schließlich fehlt Hegel jedweder Sinn für Aufklärung. Eine andere Regierungsform als die Monarchie kann er sich schlichtweg nicht vorstellen, die Beteiligung des von ihm so in die Philosophie eingeführten Pöbels liegt gänzlich jenseits seines Horizonts. Damit ist Hegel aber nichts mehr und nichts weniger als ein Kind seiner Zeit.

Honneth sieht mit der Globalisierung der Märkte seit den 1980er Jahren einen Schwund an ökonomischer Freiheit des Subjekts verknüpft, genau genommen in dessen gesellschaftlicher Komponente. Er ängstigt sich davor, dass bei steigender individueller Freiheit die sozialen Institutionen gesellschaftlicher Teilhabe wegfallen könnten oder gar bereits weggefallen seien, die erst die Freiheit einbetten und intersubjektiv konstituieren. Da die Freiheit des einen zugleich die Freiheit des anderen ist, muss es Institutionen der Begegnung geben, in denen dieses nur gemeinsam zu denkende soziale Subjekt sich äußern kann.

Recht klassisch bleibt Honneth dabei jedoch dem Modell der Klassen verhaftet. Jene sozialen Institutionen, deren Aushöhlung bis Verschwinden er bedauert, stammen samt und sonders aus der Arbeiterbewegung. Die Frage, ob sie noch zeitgemäß sind oder nicht doch besser doch völlig andere Foren des Austausches und der Meinungsbildung zu ersetzen wären, stellt sich ihm nicht. Hier stimmt die Diagnose, dass seit geraumer Zeit ein Umbruch stattfindet, wie auch jene, dass ein Fehlen solcher Institutionen auf nur einer Seite des ökonomischen Verhandlungstisches fatal für die Freiheit insgesamt wäre, doch sind offenbar die Keime anderer Herangehensweisen noch nicht genügend herangereift, um in der soziologischen Literatur bereits ihre Spuren hinterlassen zu haben.

Auch ist das Misstrauen, das Honneth prinzipiell gegen die Wirtschaft zu hegen scheint, ausgeprägt und wohl seiner philosophischen Heimat geschuldet. Ist man gewohnt, mit Beißzange und Hammer zu hantieren, sucht man offenbar an jeder Kiste die Nägel. Freundlich formuliert scheint es sich da um ideologisch motivierten Pessimismus zu handeln.

Auch der durchgängige Gebrauch des Epochenbegriffs Spätkapitalismus deutet in diese Richtung, wobei es keine empirischen Hinweise auf diese Kategorisierung gibt. Man kann mitten drin rückblickend von einer früheren als Frühphase sprechen, sollte sich aber hüten, die Jetztzeit oder gar die nahe Zukunft schon als Spätphase zu apostrophieren. Solches erweist sich immer erst im Nachhinein. Insofern ist auch diese Vokabel ein Ausdruck ideologischer Voreingenommenheit.

Abgesehen davon aber ist Axel Honneth ein ernstzunehmender Beitrag zur Analyse der Gegenwart – beschränkt auf den geografischen Bereich Westeuropas – gelungen, dessen Lektüre unbedingt anzuempfehlen ist. Es wurde selten ein Buch über Freiheit geschrieben, ein philosophisches schon gar nicht, das seine Materie mitten im Leben beschreibt.

Es ist daher brauchbar, und brauchbar sind trotz allem auch die Hinweise auf Defizite, trotz dem gerade Gesagten. Neue Alternativen zur Klassenorientierung des Denkens sind noch nicht manifest, auch wenn sich abzeichnet, dass die alten Einteilungen wohl ausgedient haben werden.

Ärgerlich ist, was der Verlag von Jürgen Habermas auf den Umschlag des Buches druckte:

Honneth tut den historischen Schritt von Marx zu Hegel zurück, um das Programm von Hegel zu Marx neu einzustellen.

Das Buch gelesen habend kann ich den ersten Teil der Aussage nachvollziehen, muss aber den zweiten für eine rhetorische Entgleisung halten. Zu Marx fällt Honneth nicht annähernd so viel ein, wie zu Emile Durkheim oder Hannah Arendt. Außerdem kanzelt er ihn frostig ab:

… die Behauptung einer dem Kapitalismus innewohnenden Notwendigkeit der Ausbeutung ‚produktiver‘ Arbeit wird heute selbst von marxistischer Seite aus angezweifelt; nicht nur gelten deren arbeitswerttheoretische Prämissen inzwischen als höchst fragwürdig, weil undurchsichtig ist, wie Marx zu den für sein Argument erforderlichen Vergleichsmaßstäben gelangt, vielmehr ist auch vollkommen rätselhaft, warum Dienstleistungs-, Verwaltungs- und Wissensarbeiten keine Rolle bei der ökonomischen Wertschöpfung spielen sollen. Vor dem Hintergrund dieser Bedenken wird jedoch die Aussage, wonach jede Beschäftigung in kapitalistischen Betrieben zwangsläufig die ‚Ausbeutung‘ der eigenen Arbeitskraft beinhalte, zu einer rein empirischen These; ihr Wahrheitsgehalt bemißt sich an der nicht vorweg zu entscheidenden Frage, ob und nach welchem Schlüssel der nicht wieder reinvestierte Anteil der wirtschaftlichen Erträge eines Unternehmens an die Arbeiter und Angestellten zurückgeleitet wird.

Soll heißen: Ausbeutung kommt vor, aber nicht mit Notwendigkeit, wie das altertümelnd bei Kant heißt. Das zieht Marx den Zahn.

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