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Ein Buch über Religion

Weil Weihnachten ist?

Nein. Ich bin bei Thalia drüber gefallen:
Christopher Hitchens - Der Herr ist kein Hirte
Mit des Engländers Christopher Hitchens‘ frechem Buch Der Herr ist kein Hirte kann man – zumindest in der ersten Häfte – durchaus seinen Spass haben; je länger aber der Text dauert, desto weiter und weiter hergeholt wird’s, was eigentlich dem Thema nicht unbedingt zugute kommt:
Wie die Religion die Welt vergiftet (so der Untertitel) sagt eigentlich auf den ersten 200 Seiten alles, was zu diesem Thema zu sagen ist.

Hitchens ist ein profunder Kenner, ein stringenter Argumentierer und deftiger Formulierer – so traurig die Rolle der Religionen – und beileibe nicht bloß der christlichen Konfessionen! – in dieser Welt sein mag, so köstlich ist es, wie trockener englischer Humor sich darüber hermacht.

Religionen – nicht nur ihren Institutionen oder Vertretern – legt Hitchens zur Last, dass sie grundsätzlich Unfrieden säen, was immer sie predigen mögen, die Menschen von jung auf beschädigen an Leib und Psyche, ja unsere ganze Welt und die gesamte Menschheit vom Licht der Vernunft abschirmen und am liebsten in Dummheit und Dunkelheit halten möchten.

Die Vorwürfe sind fundamental und halten sich nicht mit Personen oder Ereignissen an der Oberfläche auf: Religion an sich vermag der Autor nichts Gutes abzugewinnen. Im Gegenteil. Das Übel, das sie seit Jahrtausenden über die Menschen bringt, sei systematisch und immanent, nicht Mißbrauch sondern Konstituens. Auf diesen Seiten ist dem schon des öfteren das Wort geredet worden: man braucht die Releigion nicht vor den Religiösen in Schutz zu nehmen – man sollte sie nach wie vor ernsthaft und ausdauernd bekämpfen – so ausdauernd, wie sie selber sich hält.

Vor allem sind die Errungenschaften der Aufklärung und Vernunft vehement zu verteidigen gegen einen ausufernden Schutz der Pietät. Verletzt werden in unserer sekularen Zeit nicht das religiöse Empfinden oder gar etwas Heiliges sondern Logik und gesunder Menschenverstand, wenn es etwa um Toleranz für Intolerante geht.

“Der Herr ist kein Hirte” bietet für Menschen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, wenig Neues, doch das bekannte in neuer Facon, geistreich, witzig, ja mit Spott durchsetzt – und selbst dort, wo Mißstände angeprangert werden, benötigt Hitchens keine Moralkeule; er zieht den feinen Degen des Humors – und weiss damit umzugehen! Erfreulich ist, dass das Buch in England und den USA ein Bestseller geworden ist und bei uns sich auf dem besten Weg dazu befindet.

Also ein frommer Weihnachtswunsch für 2007: viele Leser diesem Buch!

Nachtrag 5.1.2008:
Auch in der Zeit poppt zu Jahresende in Nummer 52 die gleiche Diskussion auf: Bernd Ulrich lästert ‘Der Glaube wird frei‘ – und meint damit: der Wahrheitsanspruch der Religionen (aber nicht nur der monotheistischen! wie Ulrich schreibt) führt in eine Perspektive der Ungleichheit, und die Religion müsse sich ändern, indem sie sich vom Wahrheitsanspruch ab- und dem Frieden zuwende, aber nicht die (sekulare) Gesellschaft.
Und prompt faselt in der aktuellen Nummer 2 eine Tine Stein bibelselig Freiheit wieder zurück in die Religion: sie zitiert ein von primitiven Bauern geschriebenes Buch, verweist auf einen historisch nicht belegten Stifter, erklärt die Fanatiker zu Ausnahmen.
Das zeigt, wie schwierig ein Diskurs sein kann, wenn die eine Seite beständig Argumente aus einer Mythologie zieht, die nicht unabhängig sondern Teil des Problems ist.

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