Historiografie, nicht Auseinandersetzung

Zeitalter, Epoche, Philosophie, Aufbruchsbewegung – in dem, was man kurz und wenig reflektiert Aufklärung nennt, steckt dem Gemeinverstande nach eine der Wurzeln unserer Gegenwart – auch der Geschichte des Westens, wenn man mit Heinrich August Winkler so will.

Der Aufklärung wird zugeschrieben, sie habe den Welterklärungsanspruch der Theologie – und in unseren geografischen Breiten damit vornehmlich der katholischen Kirche – gebrochen und den Menschen ins Zentrum der Welt gesetzt, zumindest was die wissenschaftliche Erklärung der Welt, was die Psychologie und die Gesellschaft anbelangt, aber auch in Dingen der Religion und ihrer Begründung wie ihrer Ansprüche.

Nun ist aber die Aufklärung keine losgelöste Entwicklung ohne Vorgänger, kein Bauen auf neuen Gründen. Manche ihrer weit verzweigten Wurzeln wurden schon in der mittelalterlichen Scholastik grundgelegt, etwa der verdeckte Monismus in den Entwürfen des Cusanus.

Viel ist aber, so Ernst Cassirer in seiner Darstellung der Philosophie der Aufklärung, an der Philosophie der Aufklärung späterhin verbogen, geleugnet und entstellt worden – nicht nur von ihren Gegner in der (deutschen) Romantik, auch von Befürwortern in unserer Gegenwart.

Cassirer unternimmt es, diese Epoche von der Blüte des neuzeitlichen Rationalismus bei Descartes und Leibnitz ausgehend bis zu ihrem politischen Höhepunkt in der Französischen Revolution und ihrer philosophischen Vollendung in Kant darzustellen.

Die wesentlichen Routen dieser Entwicklung werden konzise und dabei geradezu im Narrativ einer geistesgeschichtlichen Frohbotschaft erläutert: er weist in langen Erzählsträngen die Werdegänge der Vernunft in Erkenntnistheorie, Psychologie, Religion und Geschichte nach, den Übergang von der theologisch gesetzten Letztbegründung in die Anthropologie.

Einerseits wird in den sieben Kapiteln der Entwicklungsbogen klar, der zu den – im Hinblick auf Demokratie, Selbstbestimmung und Menschenrechte – konstitutiven Höhepunkten unserer Geistesgeschichte im achtzehnten Jahrhundert führte und führen musste; andererseits leistet die Form der Philosophiegeschichtsschreibung, wie Cassirer sie betreibt, bei all ihrer neutralistisch äquidistanten Haltung zu den Meinungen der beteiligten Philosophen, keine argumentative Auseinandersetzung mit dem Geschehen dieser Philosophie.

Die breite Darstellung der Epoche aus den Herkunftsländern England, Frankreich und Deutschland sorgt dafür, dass auch klar wird, wie die jeweiligen politischen Systeme der Zeit sich mit dem Gedankengut der Aufklärung zu einer explosiven Mischung vermengen – aber eben nur in Frankreich, aber nicht in England, dessen bereits parlamentarisches System solchen Wandel des Denkens einfach aushält, und natürlich nicht in Deutschland, dessen zweifache Rückständigkeit in Gestalt der katholischen wie der protestantischen Herrschaftszersplitterung zugleich mit den wenigen hellen Geistern – Lessing, Mendelssohn, Kant und den sozusagen nebenberuflichen Aufklärer Friedrich von Preussen – die nachmaligen Gegner der Aufklärung in der sogenannten Klassik gleich mit produziert.

Wäre Kant, der fest auf dem Boden der englischen wie französischen Aufklärung steht, namentlich des Skeptikers David Hume und vor allem auch Rousseaus, nicht gleichfalls Deutscher, man könnte von einer lang und tief greifenden Tradition der philosophischen Ignoranz sprechen.

Cassirers Philosophie der Aufklärung von 1932 ist eine nach wie vor brauchbare Einführung in ihr Thema, wenn sie auch der kritischen Aufarbeitung der Aufklärung zeitbedingt hinterher hinkt.

Siehe: Panajotis Kordylis’ Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus

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