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So barock wie halt geht…

… und dennoch großartig! Die MET schafft nicht nur, was viele traditionelle Opernhäuser aus eigener Kraft nicht zu stemmen im Stande sind, sondern tut es mit Bravour: Händel ist gemeinhin ein Stolperstein für diese Häuser, wenn nicht, wie die Wiener Staatsoper, einfach spezialisierte Sänger und das ganze Orchester einfliegen.

Hier aber gelingt eine musikalisch zufriedenstellende Umsetzung, wohl dank der grandiosen Arbeitsleistung von Dirigent Harry Bicket. Der ausgewiesene Spezialist für Barockes vermag dem Hausorchester doch tatsächlich epochenadäquates Musizieren zu entlocken, wenn auch ohne Originalklang; das wäre aber auch in der Größe des Hauses kaum vorstellbar, es hat schon in der Wiener Staatsoper zu Anklängen von Verlorenheit geführt.

Man kennt Natalie Dessay vor allem aus dem Belcanto, aber ihre nicht eben wenigen Ausflüge in die Barockmusik sind von höchster Qualität. So vermag sie auch in diesem Rahmen zu glänzen – und ihr komödiantisches Talent kann sich in der sympathischen Inszenierung von David McVicar bestens entfalten. Es ist immer wieder verblüffend, was diese Frau singen kann, während sie den Teufel an die Wand spielt und mit Akrobatik und Tanz so wenig geizt wie keine andere Sopranistin. Ihre Cleopatra ist verschlagen, hinreißend komisch, verführerisch und hinterlistig. Und dabei singt sie diesen Händel schlicht und einfach wunderbar.

Georg Friedrich Händel: Giulio Cesare in Egitto (MET) - Natalie Dessay

Händel: Giulio Cesare in Egitto (MET) – Natalie Dessay

Ihr Gegenüber, der Giulio Cesare des amerikanischen – bei uns leider viel zu selten zu hörenden – Counters David Daniels ist dem Vulkan in zierlicher Frauengestalt kaum gewachsen, singt aber das riesige Haus in idealer Balance zwischen fragilem Counter und tief atmender Kraft wie mühelos aus. Das ist beeindruckend – und lässt in der komplexen Musik des weiland bedeutendsten Opernschreibers Friedrich Händel schwelgen.

Alice Coote als Sesto und Patricia Bardon als Cornelia geben ein erfrischend komisches Mutter-Sohn-Paar, ihre Versuche, die Ermordung des Gatten und Vaters zu rächen, geraten zu fast purem Slapstick. Dabei singen sie ihre Partien mehr als ordentlich.

Das Duett zwischen Cesare und Tolomeo, den Christophe Dumaux in lyrischer Geschmeidigkeit wie heldischer Kraft erklingen lässt, ist einfach zum Schießen.

Generell entführen Bühnenbildner Robert Jones und Ausstatterin Brigitte Reiffenstuel in eine Welt, in der quirliges Bollywood auf erz-britische Humorlosigkeit trifft. Das sorgt für eine tragfähige Metapher, ermöglicht burleske Einlagen, ohne Konzept oder Oper zu stören. Man dankt es nach über fünf Stunden mit vollkommener Zufriedenheit. Man ist schon so verwöhnt, dass es direkt überrasche, wie gut das doch auch ohne Original-Instrumente geht. Es geht!

 

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