Zehn Stationen Weltuntergang – aller et retour

Es ist nun doch schon wieder fast zehn Jahre her, dass uns ein katastrophales Jahrhundert – zumindest will man das einhellig so sehen – entlassen hat. Man kann aber auch getrost sagen, das meiste, das aus seiner ersten Hälfte an bleibenden Wirkungen und Folgen hervor ging, ist inzwischen längst selbst wieder Geschichte: Russland hat wieder ein Art von Zaren, der Balkan ist zur Kleinstaaterei zurückgekehrt, die USA würden nur allzu gerne die Welt dominieren, verzetteln sich aber in unbeherrschbaren Konflikten – und die Wirtschaft ist grässlich weltumspannend, wie sie das schon 1899 war.

Dennoch bleiben in der Erinnerung der Menschheit, und vor allem wohl der Europäer, einige Wunden zurück, oder sagen wir: Narben. Auch wenn man der Ansicht ist, dass die ganze Hitlerei zu keiner Zeit wirklich Zukunft hatte, so sind wir doch froh, dass die Amerikaner uns da heraus gehauen haben. Womit nicht der überproportionale Anteil der Sowjets an der Niederlage Hitlerdeutschlands kleiner geredet werden soll, als er in der Tat war, sondern der Genugtuung Ausdruck verliehen wird, dass uns in diesen Breiten der Stalinismus und das qualvoll langsame Hinwelken des real existierenden Sozialismus erspart bleiben konnten.

Wer sich vor diesem Hintergrund dann doch dafür interessiert, wie es zuging, dass es eben so kam und nicht anders, dem sei das Buch des britischen Historikers Ian Kershaw Wendepunkte: Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg ans Herz gelegt:

Titelgemäß konzentriert sich der Autor auf jene neuralgischen Zeitpunkte und Orte in den Jahren 1940 /41, an denen weitreichende Weichenstellungen für den Fort- und endgültigen Ausgang des Kriegs getätigt wurden. Das beginnt mit dem Ringen Hitlers mit den Briten: diese legen sich trotz des Debakels ihres Expeditionschors in Frankreich auf eine Fortsetzung des Kampfes fest, jener entwickelt den abstrusen Plan, über ein Niederringen der Sowjetunion, die doch noch gar nicht am Krieg teilnimmt, das Inselreich in die Knie zu zwingen.

Wem das von vorn herein wie ein hirnrissiger Plan vorkommt, der kann im ersten von Kershaws drei Hitler-Kapiteln gut nachvollziehen, dass dem eine gewisse Logik – wenn auch wenig Realismus – innewohnte. Unser Glück und das der ganzen Welt war es ja schließlich, dass Deutschlands gewaltige wirtschaftliche und militärische Stärke gerade in ihrem wahnwitzigen Führer auch ihren größten Gegner fand. Man kann im Buch gut verfolgen, wie einerseits Hitler sein Ende herauf beschwor – aber andererseits Männer wie Roosevelt unbedingt vonnöten waren, ihn definitiv niederzuringen.

Die Geschichte des europäischen Schauplatzes und die Biografie Hitlers wie des Nationalsozialismus ist ja hinlänglich bekannt, sodass man sich in den sie betreffenden Kapiteln gut zuhause fühlt und auch wenig Neues erfährt. Auch die Situation in der Sowjetunion samt Stalins folgenschwerer Fehleinschätzung seines Gegners war mir geläufig. Anders aber der Blick in die Mechanismen und Entscheidungen Großbritanniens, der USA oder auch Japans: hier liefert das Buch wertvolle Ergänzungen zu einem Gesamtbild.

Es ist frappant, welche Rolle demnach Japan spielte: es war nicht Folge der japanischen Aggression auf Pearl Harbour, dass die USA in den Krieg auch in Europa eintraten, sondern ein lang gesuchter Vorwand, dass sie es auch mit Begeisterung tun konnten. Roosevelt steuerte zwei Jahre lang vorsichtig auf diesen Konflikt zu, wohl wissend, dass einerseits die Engländer seines Beistands bedurften, andererseits das eigene Volk dafür recht wenig Verständnis aufbringen würde.

Man gewinnt tatsächlich den Eindruck, dass in den meisten Nationen wirklich alles auf Krieg programmiert war. Nicht nur Hitler, auch viele Deutsche sahen im Kriegführen den einzigen Weg zum Heil, aber auch die Japaner wähnten sich in einem knappen Zeitfenster, um ihre nationale Politik der regionalen Vorherrschaft zum Erfolg zu führen. Den Briten war nach dem Erwachen aus der pazifistischen Verblendung der Regierung Chamberlain plötzlich klar, dass sie dieses Gefecht mit allem Einsatz zu Ende führen mussten.

Am Rande spielten auch die Italiener Krieg: Mussolini wurde seiner Rolle als Operettendiktator voll und ganz gerecht, indem er sein Land in einen von vorn herein zum Scheitern verurteilten Feldzug – und damit in den ganzen Krieg Hitlers – drängte. Wenn es auch zuallererst lächerlich war, so hat es doch friedliche Menschen in Griechenland getroffen und einen weiteren Nagel zum Sarg des Hitlerismus geschmiedet.

Ian Kershaw zeigt in einer Reise über zehn Stationen, wie wir noch einmal davongekommen sind. Dabei lässt sich en passent das Vorurteil erhärten, dass es sehr wohl Weitblick und Herz einzelner Menschen angekommen ist.

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