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Kulinarische Notwehr

Ich bin nicht ungern hier: um einen Stapel Bücher zu lesen, zu entspannen, mal wieder mehrere Tage hintereinander ausreichend zu schlafen, generell einfach faul zu sein. Mich stört dabei nicht, was typische Touristen wahrscheinlich als ernsthafte Mängel empfinden würden: hier ist nichts, in Zahlen in wie in Worten. Es gibt keine Zerstreuung, die man nicht selber sich verschaffte, keine Sport- und Spielmöglichkeiten außer denen, die man mit einem Strand, etwas Meer und (vielleicht) einigen eigenen Mitbringseln zu veranstalten wüsste…

Das Zimmer, in dem wir schon seit etlichen Jahren, genau genommen seit Sommer 2000, zu logieren pflegen, hat exakt die Vorzüge, die wir für diese Art von Urlaub suchen: nicht zu klein, da eigentlich für drei Personen, aber eine fast genauso große Terrasse davor mit Schatten von morgens bis abends und Blick hinaus aufs Meer, sodass man zivilisiert im Sessel lümmeln kann mit seinen Büchern, statt sich im Sand zu wälzen oder auf wackligen Tavernenstühlen Haltung zu bewahren.

Es gibt das Notwendigste zu kaufen in einem Minimarket, darüber hinaus seit einigen Jahren – überflüssigerweise – einzelne Stände mit Schmuck und dem unvermeidlichen Fetzenkram sowie allerhand Trödel, den man nicht mal im Urlaub braucht.

Ausblick von der Villa Tsapakis

Hier könnte es grenzenlos fad sein. Wahrscheinlich ist es das auch, nur merk’ ich’s nicht. Ich bin mit mir selber beschäftigt, meistens aber nicht-beschäftigt, denn darin besteht meiner Ansicht nach der Sinn dieser Art von Ferien: mit dem Rückgriff auf vollkommen zweckfreie Steckenpferde versichern wir uns unserer Freiheit, dass – im durchaus Musil’schen Sinn – wirklich alles genausogut ganz anders sein könnte.

Meistens geht leichter Wind vom Meer herauf, von Süden, der Kühlung verschafft. Es gibt aber auch den Nordwind, der von landseits kommt und die Hitze mitbringt, an manchen Tagen auch den trockenen Staub der kretischen Hügel.

Generell ist nicht viel los; man fährt eine gute Dreiviertelstunde über eine gewundene Bergstraße aus der Messara-Ebene hier herüber – und dann ist hier ein winziges Dorf – Lendas – und ein paar hundert Meter weiter in der nächsten Bucht die Exklave Dytiko: keine drei Wohnhäuser, einige Appartment- und Zimmervermieter, die Villa Tsapakis in einem Pflanzen- und Blütenmeer. Hier steigen wir seit 8 Jahren ab.

Villa Tsapakis

Es gibt vier Tavernen. Das ist aber auch schon alles – und zugleich das Problem. Vielleicht sind es auch fünf Tavernen, so genau ist das nicht zu sagen.

Ich weiß auch nicht, ob unsere Ansprüche an die Küche sich so drastisch gesteigert haben in den letzten Jahren oder ob die Qualität des Gebotenen tatsächlich um so viele Grade schlechter geworden ist. Man muss hier – bei aller persönlichen Hochachtung vor den beiden – zu Deutschen ins Lokal gehen, um menschenwürdig zu essen!

Das wäre an sich ein totaler Widerspruch; wir gehören nicht zu den Leuten, die weit weg fahren, um wie zuhaus zu essen… ich schätze die griechische Küche, auch etliche Spezialitäten der kretischen gehören zu meinen all time favorites. Nur, hier gibt es sie nicht! Gunnar, der hier schon sieben Jahre lebt, hält das für ein Charakteristikum der Gegend: sie hielten hier nichts vom guten Essen, oder seien einfach Ignoranten. Mag sein.

Zur Ehrenrettung aller Beteiligten muss erwähnt werden, dass Gunnars Frau Susi Israelin ist. Sie schupft im Café Relax die Küche. Ihr ist es daher auch zu danken, dass es in Dytiko noch genau diese eine Möglichkeit gibt, gut zu essen.

Das gehört mit zum Urlaub; es müssen ja keine ausgefeilten Genüsse sein. Aber die Qualität beginnt schon damit, dass der Salat sonst überall vorgeschnippelt im Kühlschrank gelagert wird, was nachgerade den Paradeisern überhaupt nicht gut tut. Sie schmecken einfach eklig, wenn man sie gekühlt und in Stücken lagert.

Während man in den anderen Etablissements Fleisch wie Fisch auf dem Grillrost und in der Pfanne einfach tot brät, mit entsprechend trockenen und zähen Ergebnissen, schafft Susi knusprige Doraden, deren Fleisch exakt am Punkt gegart ist und noch immer saftig, wie auch ihre Bifteki – was man bei uns Fleischlaberl nennen würde – noch Saft haben, egal ob vom Grill oder aus der Pfanne. Ab und an schleichen sich auch levantinische Genüsse wie Falafel oder eher deutsche Spezereien wie Apfelkuchen ins Programm, doch das nimmt man teils mit Freude, teils gelassen zur Kenntnis. Die Küche ist also gottlob keineswegs deutsch. Ihre griechischen Spezialitäten sind aber mit einem doch eher deutschen Hang zu Qualität verbunden, was die Auswahl bester Zutaten und die Frische angeht, mit der es nicht alle Mitbewerber hier genauso pingelig nehmen.

Obwohl ich also die Einfachheit – bei wenigen unverzichtbaren Grundforderungen, vor allem, was das Essen betrifft – hier schätze, sehe ich schwarz für die weitere Entwicklung, aber dies nicht bloß für dieses abgeschiedene Ecke hier, sondern leider für fast ganz Griechenland.

Der Beitritt zum Euroraum hat die bisherige Entkopplung der Kosten beendet; konnten wir früher davon ausgehen, dass es zwar lokale Preissteigerungen geben würde, wir aber über den laufend angepassten Wechselkurs im Grunde immer gleich billig urlauben konnten, so hat sich’s damit. Griechenland wird rapide teurer. Das verschlechtert die Position des Landes als beliebte Destination. Länder außerhalb des Euroraums sind eindeutig billiger, und das wird sich wohl noch etliche Zeit lang fortsetzen; das liegt zum Teil an der starken Position des Euro, aber eben auch am Spiel der Währungen.

Das zweite Problem des griechischen Tourismus ist vor allem hausgemacht; denn schadet einerseits der Euro dem Tourismus, so bringt er andere Vorteile, die das wohl gesamtwirtschaftlich aufwiegen mögen. Aber die durchweg mindere Qualität, das vernachlässigte Angebot sorgen verstärkend dafür, dass Gäste – noch dazu bei steigenden Preisen – ausbleiben.

Als Euroland müsste Griechenland einen höherwertigen Tourismus mit herausragenden Angeboten entwickeln. Im Moment aber scheint eher die Tendenz vorzuherrschen, den Ausfall an Quantität mit erhöhten Preisen zu kompensieren.

Susi kann auch über ein ausgeprägtes Neidphänomen berichten; statt sich zu fragen, warum ein Teil der heuer schon wieder zurückgegangenen Gästeschar ihre Restaurants meidet, vermutet man gegenüber schmutzige Konkurrenz und greift zu den üblichen Methoden, einem Nachbarn das Leben schwer zu machen, von denen Wasser absperren noch die harmlosere ist.

Aber ehrlich: ich gehe nicht deswegen zu Gunnar und Susi, weil sie Deutsche sind. Das würde mich aus alter engnachbarschaftlicher Tradition eher gründlich abhalten, denn ich halte mich stets lieber bei Einheimischen auf als bei Touristen oder Angesiedelten – letztere mag ich in der Regel noch weniger, denn sie sind es, die dafür sorgen, dass schon überall auf der Welt Deutschland ist – eine grässliche Realität.

Aber die totale Wurstigkeit der hiesigen Griechen gegenüber ihren Gästen treibt mich in solch eine absurde Symbiose. Meine Landsleute mögen mir den Frevel vergeben, es ist gewissermassen kulinarische Notwehr.

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