Castor, Pollux, Treppe, Tanzmusik

Französische Barockmusik ist in erster Linie gespreizt – so geht ein Vorurteil, das sich aber allzu häufig auch bestätigen lässt. Verantwortlich sind dafür vermutlich die französischen Könige, in ihrem Zentrum Louis XIV, bei denen der blanke Wille zur Größe vor der Welt dem Wert des Geschaffenen mit schöner Regelmäßigkeit im Wege zu stehen vermochte.

So ist es auch mit Jean Philippe Rameau. Der Mann hat wahrhaft Ausserordentliches für das Cembalo geschrieben – welches zum Glück inzwischen ganz aus der Mode gekommen ist – und sich sonst vornehmlich mit Tanzmusik verewigt – eine weitere Eigenheit des Pariser Hofes, denn der Sonnenkönig höchstselbst liebte es, bei seinen abendlichen Belustigungen das Tanzbein zu schwingen.

Man täte jedoch Rameau vollkommen unrecht, ihn unter Tanzmusik auf Bestellung abzulegen: er ist zu seiner Zeit der unerreichte Innovator der Instrumentation und ein kongenialer Klangforscher.

Was er nicht kann, ist Arien schreiben. Das verbarg Rameau schon zu Lebzeiten hinter einer Theorie der Harmonien aus Akkorden, die angeblich jegliche Melodie überflüssig machen sollte. Nun, so klingt das dann auch.

Das Theater an der Wien hat für eine Aufführungsserie von Rameaus Oper Castor et Pollux den Doyen der französischen Barockmusiker Christophe Rousset mit dem von ihm begründeten Ensemble Les Talens Lyriques eingeladen.

Und in der Tat bringen sie Rameaus Tanzmusik auf eine so wunderbare Art zum Klingen, dass man zunächst einmal davon gefangen wird. Nach etwa einer halben Stunde beschleicht einen dann jedoch der Verdacht, alsbald das dringliche Verlangen, dass es langsam Zeit für eine Arie wäre…

Allein, es kommt keine. Es scheint, Rameau konnte so etwas nicht schreiben, was natürlich aus der vermeintlichen Oper alsbald ein Ballettstück mit Accompagnato-Rezitativen macht. Das Glück an dieser Inszenierung ist es allemal, dass man trotz so viel verlockender Musik auf jegliches Gehopse verzichtet hat.

Dabei grenzt es an ein Wunder, wie es der cleveren Regie von Mariame Clément gelingt, die langen Passagen von Tanzmusik mit einer Art Beschäftigungstherapie fürs Ensemble anzufüllen, sodass man wenigstens was zu schauen hat, während man sich auf musikalisch hohem Niveau gediegen langweilt.

Der einzige operntauglich dichte Moment gelingt Rameau zu Beginn des vierten Aktes, wo es ein Terzett mit Chor ist, das eine für Barockopern untypische Intensität zu entwickeln versteht. Hier begegnet man den Potentialen, über die der eigenwillige Komponist offenbar doch verfügte.

Darüber hinaus ist aber wenig sanglich bedeutsames zu hören, die besten Momente hat immer der Arnold Schönberg Chor, der sich hier im Haus schon öfter ausgezeichnet hat.

Das Ensemble der Sängerinnen und Sänger kann man nur taxativ abhandeln, da Rameau keiner und keinem von ihnen etwas ins Werk komponiert hat, das weiter erwähnenswert wäre:

  • Maxim Mironov (Castor)
  • Dietrich Henschel (Pollux)
  • Christiane Karg (Télaire)
  • Anne Sofie von Otter (Phébé)
  • Nicolas Testé (Jupiter)
  • Pavel Kudinov (Grand Prêtre)
  • Enea Scala (Athlète/Mercure)
  • Sophie Marilley (einige Nebenrollen)

Enttäuschend vor allem Anne Sofie von Otter, weil ihr Spiel der rasenden Eifersucht und Verzweiflung durchgängig eher wie hilfloses Torkeln aussehen wollte. Sie ist zweifellos auf dem Konzertpodium besser aufgehoben.

Fazit: sowas geht vermutlich nur in Frankreich als Oper durch. Gerettet, im wörtlichen Sinne ganz so wie Pollux den Castor aus dem Hades rettet, hat diesen Abend sicher die Regie, was auch einmal lobend vermerkt werden muss, da es leider meistens umgekehrt ist.

Wirklich genial in diesem Zusammenhang auch das recht simple aber umso wirkungsvollere Bühnenbild in Gestalt einer raumfüllenden Treppe – verantwortet von Julia Hansen -, das die Rettungsaktionen durch emsiges Auf- und Abgehen des Chors erst sinnvoll ermöglicht.

Ich habe schon etliches von Rameau und Lully gehört und weiss es durchaus zu schätzen – aber meinen Appetit auf französische Barockoper hat diese Aufführung nicht gesteigert. Das Zeug taugt ganz einfach nicht für die Bühne. Oder vielleicht nicht außerhalb von Versailles…

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