Monumental, tragisch, verspielt

Es ist nicht nur eine dicht belegte Woche mit vier Opernabenden, es ist auch eine mit zwei Franzosen, mit zwei Mal 19. Jahrhundert. Dass ich gestern von Saint-Saëns aufrichtig positiv überrascht war, steht ja hier zu lesen. Für Hector Berlioz‘ monumentale Oper Les Troyens habe ich mich um Karten bemüht, kaum dass offenbar wurde, man habe sie in dieser Saison auf den Spielplan gesetzt. Die DVD-Box der Produktion des Thèâtre du Châtelet unter John Eliot Gardiner besitze und kenne ich gut. Hier waren also keine Überraschungen zu erwarten.

Und doch: die beiden weiblichen Hauptrollen, zuerst Anna Catarina Antonacci als Cassandre und ab dem dritten Akt Joyce DiDonato als Didon, haben für ein atemberaubendes Erlebnis gesorgt. Da wird einem (fast) nicht langweilig – nur der vierte Akt ist insgesamt eher lähmend, recht viel Gesülze und Gehopse und sonst nichts von Belang. Den hätte Berlioz sich getrost schenken können, das einzige handlungsrelevante Detail, dass nämlich der Änäas die Dido liebt, hätte sich auch im dritter oder fünften in aller gebotenen Kürze verpacken lassen. Nur eine der Tanznummern ragt aus dem Gesäusel empor. Alles in allem doch zu wenig. Wäre da nicht der phantastische Schlussakt, könnte man ohne Schaden vorzeitig zum Souper schreiten. Allerdings ist die Verzweiflung der Dido die überlange Tortur der Hupfdohlen – recht uninspiriertes Balletgeschehen von Lynne Page – allemal wert.

Neben den beiden Damen wirkt Brandon Jovanovich als Enée eher platt und hölzern, aber das hat schon der Komponist so festgelegt. Der Sänger gibt sein Bestes, allein der Komponist hat ihm nicht mehr zugemutet.

    Insgesamt aber liefert das umfangreiche Ensemble eine für die Wiener Staatsoper bemerkenswert geschlossene, höchsten Ansprüchen genügende Leistung ab

  • Chorèbe: Adam Plachetka
  • Panthée: Peter Kellner
  • Narbal: Jongmin Park – glänzend!
  • Iopas: Paolo Fanale
  • Ascagne: Rachel Frenkel
  • Anna: Szilvia Vörös
  • Hylas: Benjamin Bruns
  • Priam: Alexandru Moisiuc
  • Griechischer Heerführer: Orhan Yildiz
  • Schatten des Hector: Anthony Robin Schneider
  • Hélénus: Wolfram Igor Derntl

Alain Altinoglu treibt das Staatsopernorchester zu hoher Dynamik, sorgt aber dafür, dass immer noch die Sänger akustisch die Oberhand behalten. Berlioz ist kein Wagner, das darf man auch hören.

Die ganze Produktion kommt ja aus Covent Garden, und ist daher für hiesige Verhältnisse gar sehr üppig ausgefallen. Das stört aber nicht, fällt lediglich auf. Die Inszenierung von David McVicar zeichnet menschliche Psychogramme, ohne sich in fruchtlose Umdeutungen zu verlieren. Sowohl der trojanische Krieg als auch die Änäis dürfen bleiben, was sie sind: große Literatur, große Vorlagen, sich selbst genug.

Die Bühne von Es Devlin sowie die Ausstattung von Moritz Junge versuchen, das Geschehen in der Entstehungszeit der Oper zu verankern, bleiben aber mit ihrem unterfangen erfrischend erfolglos. Soll heißen: es stört nicht, es vernichtet nicht das Archaische, das den Geschehnissen um und nach Troja für uns heutige innewohnt.

Ich war so begeistert, dass ich beschlossen habe, mir gleich noch die Gesamtaufnahme mit Joyce DiDonato zu besorgen…

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