Kuhbube’s Tändelei & Ende

Opernlibretti sind blödsinnig – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, Vorlagen ernsthafter Autoren helfen bisweilen ein Wenig. Aber nicht einmal jeder Librettist, der Shakespeare zur Hand nimmt, legt am Ende auch ein ernsthaftes Stück aus derselben. Nun ist aber erstens David Belasco kein ernsthafter Autor, von ihm hat aber, zweitens, Giacomo Antonio Domenico Michele Secondo Maria Puccini die Inspiration zur Oper, und ebendiesem, drittens, die MET 1907 den Auftrag zur Komposition erteilt. Herausgekommen ist dabei natürlich wiederum Blödsinn, diesfalls mit Musik. Eine Schmonzette ersten Ranges…

  • Setting: ein Goldgräbernest in Kalifornien
  • Sie: die Perle des Saloons
  • Alle: beten sie an
  • Er: Bandit mit klebrigem Kern
  • Kriegen sich: selbstredend, schon am Ende des zweiten Aktes, was eigentlich den dritten völlig überflüssig macht
  • Der Fiese: diesmal der Sheriff
  • Tragik: sie will halt partout nur den Banditen
  • Komik: ungekünstelter Bauchfleck vom Galgen in den Hafen der Ehe
  • Logik: nicht einmal in Spuren
  • Das grausige Ende: der Kuhbube kriegt seine Maid
  • Nachtrag: sie können nicht gen Sonnenuntergang davonreiten, westlich von Kalifornien müssten sie rudern

Ich meide, wie bekannt, Puccini, wo es nur geht. Ich halte seine Musik einfach nicht aus. Allerdings wollte ich La Fanciulla del West doch zumindest mal gesehen haben, diesfalls in der MET Live in HD Saison, schließlich ist das eines seiner Werke, das ein eher kümmerliches Dasein auf den Spielplänen fristet. Seite großen Hits werden ja von Staats- und Metropolitanopern, ersten wie zweiten Häusern sowie Provinzbühnen so hartnäckig wieder und wieder aufgeführt, dass ich mir davon inzwischen eine Allergie geholt habe. Von Nessun dorma wird mir regelrecht schlecht.

Insoferne bietet das Girl from the Golden West (Vorlage: Belsaco) zunächst einmal Puccini: der erste Akt ist eine furchtbare Mischung aus Heiligenlegende und Therapietheater, offenbart des Herrn Kompositeurs Meisterschaft aber weniger in dem, was die Leut’ da singen, als in der kunstvollen Ensemble-Gestaltung der Partitur. Hier webt einer sozusagen aus Mist einen glanzvollen Teppich. Muss man auch können… Dass dann die Goldgräber heimatsduselige Lieder singen und mit der Wirtin Bibelstunde halten, ist einfach nur grässlich.

Der zweite Akt bringt dann die Überraschung: hier klingt kein süßlicher Puccini, hier kann man dem Meister im Gegenteil auf die Finger schauen, wie er sich um eine moderne Tonsprache bemüht – also um eine zu seiner Zeit moderne. Da ist natürlich von Schönberg noch nicht die Rede. Und Puccini hat es auch nicht im Kreuz, davon irgendetwas vorweg zu nehmen. Immerhin hat er seinen Mahler studiert. Das Kammerspiel zwischen den drei wesentlichen Protagonisten klingt nicht wie eine seiner anderen Opern – und ist mir sogleich ans Herz gewachsen.

Dann aber wieder der gewohnte Leiermannstrott: man sagt, Caruso habe sich für die Uraufführung da noch eine von des Meisters beliebten Arien gewünscht und nachträglich hinein geschrieben bekommen. So klingt das irgendwie auch. Eine Infusion Boheme sozusagen. Man muss sich am Ende immer fester an den zweiten Akt erinnern, damit man das noch durchsteht.

Dabei sind Eva-Maria Westbroek als Minnie und Jonas Kaufmann als Dick Johnson vulgo Ramirez eine hochkalibrige Besetzung, fast schon Verschwendung für einen Puccini. Eigentlich rechtfertigt nur der zweite Akt diesen Einsatz, dann aber voll und ganz! Von Anbeginn tragen Carlo Bosi als Nick und Michael Todd Simpson als Sonora die auch in Nebenrollen recht gute Mannschaft der MET durch die Ensembles. Dazu noch Matthew Rose als Ashby.

Ein besonderes Kaliber ist Sheriff Jack Rance, der eigentlich der Fiesling ist, von Zeljo Lucic gebührend abstoßend impersoniert und grandios gesungen.

Der Italiener Marco Armiliato dirigiert sichtlich aus dem Gedächtnis, aber offenbar kennt das MET Orchestra seinen Puccini gut genug. Gemeinsam meistern sie aber auch den durchaus innovativen zweiten Akt mit Verve.

Wenig innovativ, jedoch durchgängig brav und sogar mit vereinzelten Einsprengseln von Humor, gehen Regisseur Giancarlo del Monaco und Ausstatter Michael Scott die Sache an. Immerhin dürfen die beiden zentralen Figuren der Schmonzette an den allerschlimmsten Stellen Ironie durchschimmern lassen. Das Publikum dankt aufrichtig.

Einerseits: Puccini – bestätigt. Andererseits: zweiter Akt – bemerkenswert! Dafür lohnt es sich aber nicht, in die Oper zu dackeln. CD tut’s auch.

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