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Seltsame Parallelen

Noch im Jänner dürfen wir Österreicher darüber abstimmen, ob wir lieber ein Heer mit allgemeiner (männlicher) Wehrpflicht haben wollen oder ein Berufsheer. Interessanterweise geht die Diskussion darüber aber am eigentlichen Thema, dem Heer als Einrichtung der Landesverteidigung, gänzlich vorbei. Hierzulande wird über die Wehrpflicht für junge Männer entschieden, weil man just jenen Teil der Stellungspflichtigen, die den Dienst mit der Waffe verweigern, unverzichtbar zu brauchen glaubt oder eben nicht – von den anderen, die den militärischen Dienst wählen, ist hingegen gar nicht die Rede.

Im Grunde ist das nur logisch: das Militär erfüllt bei uns seit Jahrzehnten keine nachvollziehbare Funktion mehr. Es macht sich im Leben der jungen Männer als gigantische Zeitverschwendung bemerkbar, hinterlässt jedes Jahr schwer verletzte und ab und zu sogar tote Grundwehrdiener – in den letzten sieben Jahren gab es im Bundesland Salzburg allein einen Toten im Dienst und insgesamt acht Tote im Kasernengelände: das alles in Friedenszeiten. Die Verkehrsunfälle auf dem Weg vom und zum Dienst darf man da gar nicht erst in Rechnung stellen.

Das Bundesheer ist unbestreitbar Killer Nummer eins unter Österreichs Jugend – und zwar besonders perfid: die Leute können sich’s nämlich nicht aussuchen. Wer beim Drachenfliegen in den Tot stürzt, hat sich hinauf in den Himmel wohl auf eigene Initiative begeben. In die Kaserne fahren die Jungs aber in der Regel nicht freiwillig. Ich bin durchaus auch der Ansicht, dass unser Militär eine ausgeprägte Mitverantwortung am exorbitanten Alkoholkonsum der Grundwehrdiener trägt: man kann die Sinnlosigkeit des Präsenzdienstes in Krügel messen.

Nach der Lektüre der politischen Biografie des letzten deutschen Kaisers hatte ich Lust, die österreichisch-ungarische Seite des Fiaskos nachzulesen, und habe dazu das Standardwerk herangezogen: Manfried Rauchensteiner, bei dem ich damals auch die zugehörigen Vorlesungen gehört habe, hat vor vielen Jahren seine Gesamtdarstellung Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg veröffentlicht:

Manfried Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Unganr und der erste Weltkrieg

Die Parallelen zuerst – nämlich die von der alten Armee Österreich-Ungarns, der in die Jahre gekommenen Monarchie der Habsburger, zum Bundesheer der Republik Österreich: beide Armeen gebärden sich als Instrumente der Sicherheit, leiden unter chronischer Unterfinanzierung und sind dabei insgesamt untauglich für ihren eigentlichen Zweck. Das Militär des alten Kaisers zog gegen das vergleichsweise winzige Serbien in einen Krieg, den es aufgrund eigener Unfähigkeit nicht entscheiden konnte, bis die Unterstützung deutscher Armeen für den nötigen Druck sorgte.
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    Die Tragik des Oberhunnen

    Man hat ihn gern verantwortlich für die Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts gemacht und in deren Gefolge auch als Auslöser der Hitlerei und des deutschen Weltuntergangs gesehen: der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II polarisierte nicht nur zeit seines Lebens, er tat das auch durch eine lange Phase tendenziöser Geschichtsschreibung wie politischer Vereinnahmung.

    Christopher Clark: Wilhelm II - Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers

    Der britische Historiker Christopher Clark widmet sich in seiner politischen Biografie Wilhelm II.: Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers der Frage, welche Art der Herrschaft und des Einflusses der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II ausübte.

    Wilhelm ist von der einen Seite attestiert worden, ein Spielball der nationalen wie internationalen Politik gewesen zu sein, ein alberner Tropf, der sich von seiner von homoerotischen Freunden durchsetzten Hofkamarilla steuern ließ – und in einer Reihe von peinlichen Ausrutschern in Interviews und Ansprachen die ernst gemeinte deutsche Außenpolitik desavouierte. An der Kette peinlicher Affären ist nicht zu rütteln und zu deuteln, die sind trotz vielfältiger Vertuschungsbemühungen bestens dokumentiert.

    Von anderer Seite wurde Wilhelm als dämonischer Kriegstreiber dargestellt, und manche seiner unbedachten Äußerungen scheinen exakt in diese Richtung zu weisen. Christopher Clark arbeitet aber deutlich heraus, dass dieser leicht infantile deutsche Kaiser mit größerem Abstand gerne das militärische Säbelrasseln hervorkehrte, jedoch in kleinliche Friedenssehnsucht verfiel, sobald ein Konflikt sich ernstlich näher als am Horizont abzeichnete.

    Es ist sicherlich schwer, aus den disparaten Randnotizen und Äußerungen des Kaisers einen Strang zu flechten, der eindeutig die eine oder die andere Position stützen könnte. aber genauso wie im Fall des habsburgischen Kaisers Franz Joseph scheint es sich beim Hohenzollern Wilhelm um einen bedauerlichen Degenerationspunkt dynastischer Herrschaft gehandelt zu haben: beide waren sie vermutlich harmlos, jedoch in eine Zeit gestellt, die mit harmlosen Irren an der Spitze von Großmächten und ihren enormen Militärmaschinerien nur in eine Katastrophe stürzen konnte.

    So wie beide – und auch der letzte Zar – sich von Gott in ihre Herrschaft eingesetzt wähnten, ist zu konstatieren, dass eben diese höhere Macht den Ratschluss gefasst zu haben schien, es sei Zeit geworden, ihnen ihre bevorzugte Stellung auch wieder abzunehmen. Bleibt von Wilhelm der eine oder andere pointierte Sager, der sich hinterdrein als nachgerade hellsichtig erweisen sollte: die deutschen Hunnen und das Pardon wird nicht gegeben

    Wilhelm mochte sich der tieferen Bedeutung seiner Worte im Augenblick, als er sie sprach, gar nicht bewusst sein, schon gar nicht der verheerenden Wirkung, die solch kindische Großtuerei gerade aus seinem Mund hervorrufen sollte. Aber genau das macht ihn zum Oberhunnen, wenn auch zu einem tragischen.

    Über Wilhelm sagt Clark:

    ein intelligenter Mensch, ausgestattet allerdings mit einem schlechten Urteilsvermögen, der zu taktlosen Auswüchsen und kurzlebigen Begeisterungen tendierte, eine ängstliche, zur Panik neigende Gestalt, die häufig impulsiv aus einem Gefühl der Schwäche und Bedrohung heraus handelte.

    Heute ist es längst nicht mehr notwendig, diese im Grunde tragische Figur zur Rechtfertigung einer Position heranzuziehen. Zwischen Dämonisierung und Heroisierung wird der Blick auf einen Monarchen frei, der Einfluss zu nehmen suchte, aber keinerlei Plan hatte, was er damit schlussendlich anfangen sollte. Seine Macht war eng begrenzt, und dennoch trug er an einer der entscheidenden Stellen der fatalen Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts die letzte Verantwortung: löste der Habsburger in quasi-seniler Ignoranz den bedrohlichen internationalen Verflechtungen gegenüber einen vermeintlich regional begrenzten Krieg aus, so hob der Hohenzoller diesen alsgleich mit kindischem Trotz auf das Niveau eines Weltkriegs.

    Beide spielten ihre Rollen in dieser absurden Tragödie, als könnte man die Bühne jederzeit wieder verlassen, als wäre nach dem Vorhang die alte Welt wieder da. Sie waren aber nicht die einzigen; ganz wesentlich spielte auch Zar Nikolaus II mit, dessen unbeirrbarer Rückhalt für die damals wie heute zersetzenden regionalen Machtspiele der Serben den lokalen Brand erst groß genug anfachte, um damit Lunte an die Zündschnur der europäischen Bündnisse zu legen.

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      Aus seiner Zeit gekommen dieselbe mächtig überragend

      Der alte Otto von Bismarck – auch der war mal jung. Und in der Tat, der Reichsgründer dürfte, sogar zumeist gegen seinen König, der die ganze Zeit über Wilhelm II hieß, die Gründung eben dieses Reiches erfunden, betrieben und abgeschlossen haben. Man ist ihm dann bereitwillig gefolgt.

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      Der amerikanische Spezialist für deutsche Geschichte, Jonathan Steinberg, hat in Bismarck: Magier der Macht den politischen Künstler Bismarck beschrieben – mit alle seinen Licht- und viel mehr Schattenseiten.

      Zunächst einmal schien der junge, sehr begabte Politiker Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen aus dem traditionsbewussten preußischen Junkertum sich ganz im Sinne seiner stockkonservativen Gönner und Förderer entwickeln zu wollen; man wusste noch nicht, dass er in erster Linie auf sein eigen Fortkommen zu achten gewillt war und dabei jegliche Prinzipien ignorierte, sei es des politischen Konservatismus oder der protestantischen Ernsthaftigkeit, die man daheim in Ostpreußen pflog.

      Er machte seinen Weg über die Funktion des Botschafters Preußens beim Deutschen Bund und anschließend in St. Petersburg, ehe er 1862 Außenminister und Ministerpräsidenten berufen wurde. Und sogleich zettelte er recht kurz hintereinander, und zwar 1864, 1866 und 1870, drei folgenschwere Kriege an, den ersten gegen Dänemark mit dem Gewinn von Schleswig und Holstein sowie neben anderen innerdeutschen Territorien auch Frankfurt, den zweiten gegen Österreich, das in der Schlacht von Königgrätz 1867 eine seiner empfindlichsten Niederlagen einstecken musste, und den dritten und letzten gegen den Erzfeind Frankreich, der sogar zur Gefangennahme von Kaiser Napoleon III bei Sedan führte.

      Bismarck führte so seinen weitaus zögerlicher agierenden König in die Einigung Deutschlands und zum Kaisertitel. Der brauchte sich lediglich in den entscheidenden Momenten seinem Minister nicht in den Weg zu stellen.

      Nachdem er aber diesen Höhepunkt erklommen hatte, kämpfte er mit unterschiedlichem Erfolg in den Niederungen der parlamentarischen Repräsentation, ohne je selbst über die Unterstützung einer nennenswerten eigenen Partei zu verfügen, ganz auf den Rückhalt seines Monarchen gestützt. Dabei entwickelte er sich zu einem skrupel- und rücksichtslosen Machtpolitiker, der selbst enge Mitarbeiter nur benutzte, solange sie dienlich waren, und sie abservierte, wenn er sie nicht mehr brauchte oder sie ihm nicht länger in der Spur zu laufen schienen.

      Dabei war seine Spur häufig von abrupten Wendungen gekennzeichnet, die einerseits das Genie des parlamentarischen Taktikers offenbaren, andererseits auf die fundamentale Prinzipienlosigkeit des älter werdenden Machtmenschen hinweisen.

      Es ist einerseits zu bewundern, wie ein Einzelner es vermochte, einem Kontinent, der behutsam eine fragile Stabilität zu sichern bestrebt war, ein neues und völlig verändertes Gefüge aufzuzwingen, in dem aus dem recht unbedeutenden östlichen Kleinstaat Preußen innerhalb weniger Jahre das riesige und bedrohliche Deutsche Reich erstand. Andererseits muss man anerkennen, dass von Bismarcks Einigungswerk der direkte Weg in die Schützengräben des Ersten und den restlosen deutschen Untergang im Zweiten Weltkrieg führt.

      Der Geschichte eignet jedoch im Rückblick eine Zwangsläufigkeit, die sie im Augenblick ihres Fortschreitens eigentlich gar nicht hat. Vom Standorte Bismarcks führt allenfalls ein schmaler, einer von vielen Wegen mit anderem Ziel, zu Hitler. Von Hitler aus zurückblickend, steht am Anfang des Weges jedoch der Juncker Bismarck. Das ist die Ironie der Geschichte: der sie schuf, legte auch den Grundstein für die machtvolle Implosion der Glorie Preußens. Umgekehrt schein es von heutiger Warte aus eines wahnwitzigen Hitler bedurft zu haben, um die Deutschen, denen Bismarck viel zu rasch zu Weltgeltung verholfen hatte, wieder zu zähmen.

      Steinberg zitiert ausgiebig aus einer nahezu unüberschaubaren Reihe von Briefwechseln und Memoiren und erreicht damit eine Darstellung der Persönlichkeit Bismarcks, die auch seine ausgeprägt negativen Seiten umfasst, wie aber auch seine brillante Stilistik, seinen verqueren Humor und seine Offenheit in Sachen politischer Planung bestens erkennen lässt. Daraus ist ein hochgradig lesbares Buch geworden, das sich nicht nur der staatsgeschichtlichen Bedeutung des Biografierten annimmt sondern vor allem einen Mann präsentiert, der aus seiner Zeit gekommen dieselbe mächtig überragt hat.

      Indirekt liefert diese Biografie auch ein Porträt jenes Herrschers, der fast die gesamte lange Dauer von Bismarcks Regierungszeit über König von Preußen und alsbald Deutscher Kaiser war, des bei seinem Ableben über 90 Jahre alten Wilhelm II, der sich durch wenig ausgeprägte eigene Meinung, vielfaches Zaudern, aber einen hohen Grad von Informiertheit auch in Detailfragen auszeichnete; und ein Bild der ausgeprägten Intrigen, die hinten herum von Königin und Kaiserin Auguste sowie vom Kronprinzenpaar unter vornehmlicher Anleitung der Tochter der englischen Königin gesponnen wurden.

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        Biografie eines Karrieresoldaten

        Der Drecksack General Paulus – so kommt das Echo der Nachkriegseinschätzung im Westen Deutschlands bei einem ihrer fundamentalen Kritiker an, dem linken Liedermacher Franz Josef Degenhardt.

        In der BRD musste man dem General nicht vergeben, dass er in Stalingrad kapitulierte – er hatte sich anschließend auf Seiten Stalins und der DDR gestellt, womit man im Westen bruchlos von der Verachtung aus strammem Nazismus zu der aus hysterischem Antikommunismus übergehen konnte. Dieselben hitlertreuen Chargen konnten so bei ihrer giftigen Ablehnung bleiben.

        Dabei ist dieser Friedrich Paulus, Musterbeispiel eines deutschen Offiziers von der kaiserlichen Armee bis zur Wehrmacht, wohl der einzige gewesen, der nicht nur seinen Soldaten befohlen hatte, bis zum letzten Blutstropfen auszuharren und dabei wenn nötig zu erfrieren, sondern der das hinterher bedauert und eingestanden hat.

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        Der Autor selbst, Torsten Diedrich, ist in der DDR mit ihrer massiven historischen Wahrnehmungsbeeinträchtigung groß geworden, er promovierte zum Ende hin 1989 am Militärhistorischen Institut der DDR und hat sich seither vornehmlich mit den militärhistorischen Aspekten der zweiten deutschen Diktatur beschäftigt.

        Paulus – Das Trauma von Stalingrad: Eine Biographie räumt daher auch dem Leben Paulus‘ nach Stalingrad breiten Raum ein, sowohl der persönlichen Entwicklung in der langen Gefangenschaft als auch nach der ‚Heimkehr‘ in die DDR. Wie viel davon einer Rationalisierungsstrategie der eigenen Anpassung geschuldet sein mag, steht dahin. Der General – der an einem der letzten Tage im Kessel kurz vor der Kapitulation noch zum Feldmarschall ernannt worden war, um ihm aus deutschem Ehrgefühl heraus eben den Weg in die Aufgabe abzuschneiden – kommt aber insgesamt recht gut weg.

        Interessant macht dieses Leben der einzigartige tiefe Einblick in die Karriere eines brillanten Strategen, dem dieser weitreichende Erfolg keineswegs in die Wiege gelegt wurde: als bürgerlicher tat er sich nicht nur in der wilhelminischen, sondern auch in der Weimarer und später in der Nazi-Wehrmacht schwer mit den im Generalstab eingesessenen preußischen Junkerdynastien.

        Seinem strategischen Talent und einem schier endlosen Arbeitspensum dankte der junge Offizier nach dem ersten Weltkrieg den Aufstieg bis in höchste Regionen der zunächst arg gestutzten Reichswehr. Und er stieg auch unter Hitler immer weiter auf, bis er schließlich im Oberkommando des Heeres für die Planung des Angriffs auf die Sowjetunion 1942 verantwortlich zeichnete, die schlussendlich auch das Ende seines aktiven Dienstes besiegeln sollte.

        Der Autor bemüht sich akribisch, die Fakten aus der Zeit von den Zurechtrückungen nach der Zeit zu trennen, die so manchen Blick geschickt verstellen und so manches Urteil zu trüben versuchen. An General Paulus sind keinerlei Skrupel festzustellen, weder dem Feind noch den eigenen Soldaten gegenüber, solange er in irgendeiner seiner Funktionen dem hitlerschen Expansionismus diente. Er betrachtete stets die militärische strikt getrennt von der politischen Domäne, und zog sich somit in den sattsam bekannten psychologischen Bunker der militärischen Entscheidungsträger zurück.
        Paulus soll nach der Übernahme der 6. Armee für seinen Kommandobereich den sogenannten Kommisarbefehl – sofortige Hinrichtung von politischem Personal der Roten Armee – außer Kraft gesetzt haben. Maximal scheint dabei aber herausgekommen zu sein, dass damit seinen Unterführern die Entscheidung darüber, wie sie hiebei zu verfahren gedachten, anheimgestellt wurde. Das Ganze passt in seine generelle Entscheidungsphobie: weder konnte er einen Angriff zeitgerecht befehlen, sodass er stets von einem Draufgänger als Stellvertreter ergänzt werden musste, damit überhaupt etwas weiter ging, noch vermochte er sich im Moment, als der Kessel von Stalingrad sich um seine gesamte Armee zu schließen begann, zu irgendeinem Schritt durchzuringen.

        Im Weg stand ihm dabei sicherlich die intime Kenntnis der Situation im Generalstab, von dem er einerseits annahm, dass man dort besser über die Gesamtlage bescheid wisse als er das isoliert in seinem Abschnitt überblicken könne, und andererseits mit keinem Gedanken vermutete, dass man ihn samt seiner mehreren hunderttausend Mann ganz einfach der Sturheit des Größten Führers aller Zeiten opfern würde. An diesem Dilemma arbeitete er sich post festum die meiste Zeit seiner dreizehnjährigen Gefangenschaft ab.

        Erst mit der Nachricht, dass im Frühsommer 1944 ein Teil der Armee gegen Hitler zu putschen versucht habe, schloss er sich jenen Kräften in der sowjetischen Gefangenschaft an, die offen gegen Hitler auftragen – was aber keinerlei messbare Wirkung auf die Deutschen auf der anderen Seite zeitigte.

        An manchen Stellen übertreibt der Autor aber fast unappetitlich: da tut ihm der General leid, weil er an einem bestimmten Tag das letzte Mal seiner Frau gegenüber stehen konnte, und späterhin, weil sie gegen Ende seiner Gefangenschaft verstarb, ohne dass er sie jemals wieder gesehen hätte. Der Autor bedenkt in seiner Gefühlsduselei keine Sekunde lang, dass derselbe General genauso viele eigene Soldaten hat verhungern und erfrieren lassen wie nachher in sowjetischer Gefangenschaft umkommen sollten. Von denen hat dann auch keiner mehr seine Frau und Familie wieder gesehen, im Gegensatz zu ihnen hatte aber der General immer auch andere Optionen. Mitleid ist sicher die letzte Kategorie, die hier Anwendung finden darf.

        Ein gutes hat aber diese Biografie eines Karrieresoldaten: man ist zuinnerst froh, dass heutzutage Soldaten und Offiziere, bis hinauf zu den Goldfasanen, eher gesellschaftliche Witzfiguren sind als eine hochgeachtete Kaste. Vor allem scheint das Militär, jedenfalls in unseren Breiten, nicht mehr die besten Köpfe anzuziehen. Nicht dass Idioten weniger gefährlich wären… aber wir sollten ehern dabei bleiben, sie in keiner Weise ernst zu nehmen.

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          Jenseits der Erträglichkeitsgrenze

          Ich gebe zu, ich hatte zuvor keine Ahnung, welche Qualitäten als ernsthafter Komponist im genialen Liederschreiber Mikis Theodorakis stecken. Ich muss nun zugeben, dass mich von dem, was da zu hören ist, wenn es im Wiener Konzerthaus einen ganzen Abend mit Byzantinischer Hymne (aus der dritten Symphonie), Requiem und Mauthausen-Kantate zu erleben gilt, rein gar nichts zu überzeugen vermag.

          Für den 87jährigen, beim Konzert persönlich anwesenden und daher von der versammelten Fangemeinde überschwänglich beklatschten Komponisten gilt, was vor ein paar Jahren auch beim inzwischen verstorbenen Joe Zawinul festzustellen war: die Fähigkeit, einen Song, ein tragoudi, zu schreiben, reicht meist noch nicht aus, um sich in der großen Form zu etablieren. Und so wie der Jazzer unspektakulär scheiterte, erweist sich auch der griechische Nationalheros als Gefangener der kleinen Form:

          Die Hymne klingt wie von einer seiner herkömmlichen Platten, zum Satz einer Symphonie fehlt ihr so ziemlich alles, was umgekehrt in einem Lied übertrieben wäre, die Kantate ist eine Aneinanderreihung gewöhnlicher Theodorakis-Lieder, recht ähnliches darf vom Requiem gelten.

          Man merkt jedoch sogleich, dass man mit solch ketzerischer Meinung ganz und gar allein ist im Großen Saal, nach jeder Nummer tobt der Applaus, sogar die inzwischen schon alte und schauerlich intonationsschwache Maria Farantouri wird gefeiert. Das Ganze ist alsbald eindeutig jenseits der Erträglichkeitsgrenze.

          Bevor es dann nach der Pause zu Tumulten kommt, wenn die bekannten Balladen des Meisters erklingen werden, sowie als Finale der berühmt-berüchtigte Sirtaki aus der Filmmusik zum Zorbas, da geh‘ ich lieber rechtzeitig ab. Ich mag das Zeug beizeiten, aber es muss nicht symphonisch denaturiert werden. Man sollte Theodorakis in seinem Metier belassen, da hat er beileibe Unvergängliches geleistet. Das gleiche gilt übrigens für Joe Zawinul.

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            Die Hauptstadt der Dummheit

            Wer könnte besser über das babylonische Geschichtsgewirr einer Stadt wie Jerusalem schreiben, als einer aus dem Klan der Montefiore, die sich, wenn auch nicht in direkter Linie, von Moses Montefiore herleiten, einem der Wegbereiter des Zionismus?

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            Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore, der schon mit fundierten Werken zu Stalin aufgefallen ist, nimmt sich in Jerusalem. Die Biographie der nicht eben einfachen Geschichte des Nahen Ostens an, mit all den religiösen Eifersüchteleien und Metzeleien, die mehrere Jahrtausende im Brennpunkt der Dummheit so mit sich bringen.

            Und es ist in der Tat eine Abfolge der abscheulichsten und zugleich blödsinnigsten Ereignisse, die unsere gesamte Geschichte kennzeichnen, eine absurde Verquickung von Gewalt, Macht, religiösem Eifer und unbegreiflichen Massen fundamentalster Dummheit.

            Vorteil des Textes von Sebag Montefiore ist zweifelsohne die noble Indifferenz zu den drei Religionen und den Dutzenden von Sekten, die sich just diese Stadt zum Mittelpunkt ihrer eifersüchtig bewachten Exklusivitätsstandpunkte auserkoren haben.

            So scheint es gekommen zu sein, dass zu allen Zeiten leider eine nicht unerhebliche Zivilbevölkerung unter den Übergriffen der einen auf die anderen zu leiden hatte und noch hat, obwohl es auch wahrscheinlich ist, dass es einen unbeteiligten friedlichen Teil ebendieser Bevölkerung niemals wirklich gab. Sie steigen einander mit Vorbedacht auf die Zehen, schieben die Grenze der Provokation fortwährend aufeinander zu – und rufen dann ihre auswärtigen Schutzmächte zu Hilfe. Das hat sich in mehr als zwei Jahrtausenden kein Jota verändert.

            Alles in und um Jerusalem ist von außen getrieben. Dass der Staat Israel heute dominiert, ist nicht zuletzt von Entwicklungen in ganz anderen Weltgegenden hervorgerufen worden; dass die vormals ansässige palästinensische Bevölkerung von den Juden verdrängt wird, ist aber angesichts eben dieser langen Geschichte wechselseitiger Vereinnahmungen nicht weiter verwunderlich. Dieses vermeintlich Heilige Land gehört ganz offenbar niemandem, jedenfalls zu kaum einer Zeit für lang.

            Wenn man aber bei dem stets genau informierten Sebag Montefiori nachliest, lernt man, wie unsinnig die Streitereien allesamt im Grunde sind. Die konkurrierenden Religionen bilden die mächtigen Fronten, aber auch innerhalb der großen Blöcke, und im Speziellen zwischen den christlichen Konfessionen, herrscht beständig eine Form von Krieg. Und es schein absolut gleichgültig zu sein, wer grade obenauf ist, stets folgt darauf die Unterdrückung der anderen oder zumindest einiger von ihnen.

            Man kann daraus den Schluss ziehen, dass Religion ohne Feind nicht funktioniert, zumindest nicht in ihren monotheistischen Ausprägungen. Nun ja, wen kümmert’s. Glaube ist Dummheit und Jerusalem ist ihre Hauptstadt.

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              Die Mühsamkeit des Wohlgetöns

              Was ursprünglich aus einer Symphonie entsprang, glänzt in erster Linie im Orchestergraben: dafür sorgt Bertrand de Billy mit den Wiener Symphonikern – und so kann man wenigstens über die musikalische Aufführungsqualität der Oper Mathis der Maler von Paul Hindemith ganz und gar nicht meckern.

              In der Werkgeschichte des Komponisten aber offenbart sich rasch, dass seine späten Werke nach der Abkehr vom Expressionismus mit neoklassizistischer Rückorientierung kämpfen. Ganz will das nicht ins immerhin schon in seiner vierten Dekade stehende Zwanzigste Jahrhundert passen… Und so weist die Oper gewordene Symphonie denn auch scheußliche Längen auf, besonders in den letzten beiden Bildern, wo Hindemith kein Ende finden will, aber eigentlich längst alles gesagt ist, sogar zur Stellung des Künstlers in der realen Welt, die als roter Faden das Werk eigentlich tragen solle – allein, der Komponist und Textautor verrennt sich da offenbar in Parallelen zu seinen eigenen Schwierigkeiten mit den Nazis, denen er sich und seine Kunst nicht anzubiedern gedenkt.

              Dabei ist Mitte der Dreißiger Jahre seine gute Zeit längst vorbei, er hat sich zum Epigonen einer in der Romantik gebrochenen Klassik zurück entwickelt, die atemberaubende expressive Kraft des jungen Hindemith ist der Mühsamkeit des Wohlgetöns gewichen – aber immer noch nicht genug, um die sehr tief angesetzten Maßstäbe des nationalsozialistischen Musikgeschmacks zu treffen.

              Ja, das Werk hat dichte Stellen, insbesondere zwischen dem zweiten und vierten Bild kommt einigermaßen Zug- und Spannkraft ins Geschehen. In der konkreten musikalischen Ausgestaltung hängt das aber stark an den handelnden Persönlichkeiten:

              Man hat sich zu Recht auf den Auftritt von Wolfgang Koch in der Titelrolle des Matthias Grunewald gefreut – und diese Vorfreude wird keineswegs enttäuscht. Anders dagegen bei Kurt Streit, dessen Kurfürst Albrecht von Brandenburg unter hörbaren Schwierigkeiten in den Höhen leidet, bisweilen quietscht er geradezu.

              Gut aber wiederum Franz Grundheber als Reidinger und vor allem Raymond Very als Bauernführer Schwalb. Hervorzuheben sind auch die beiden Mitglieder des Jungen Ensemble Ben Connor und Andrew Owens, die in zwar kleinen Rollen runde Leistungen hervorbringen.

              Unter den wenigen Damen strahlt die Ursula von Hausdebütantin Manuela Uhl hervor, aber auch die russische Sopranistin Katerina Tretyakova vermag Regina, der Tochter des Bauernführers, zartes Leben einzuhauchen.

              Ganz besonders solide und gut eingewiesen in die vielfältigen Massenszenen erweist sich auch der Slowakische Philharmonische Chor, dem trotz vieler Fußarbeit auch die gesanglichen Höhepunkte flüssig gelingen.

              Die gesamte Inszenierung ringt aber mit Banalität und der Durchschaubarkeit des Naheliegenden. Und leider überlässt Regisseur Keith Warner die Psychologie ganz dem Komponisten, was die Längen dann nur noch länger macht.

              Leben muss das Ganze von der überdimensionalen Skulptur des Gekreuzigten, die Bühnenbildner Johan Engels direkt dem Isenheimer Altar des Matthias Grunewald entliehen hat: sie ist nicht nur der Eye-Catcher sondern leider auch eine Art Visual Vampyre; sie in der zunächst mehr verschleiernden Beleuchtung zu erfassen, beschäftigt einen das erste Bild über, sodass die Schwächen der Komposition da noch gar nicht allzu sehr auffallen. Dann aber ist irgendwann die Luft raus, das mächtige Ding ist da, na und?

              In dem Moment, in dem es von Geisterhand bewegt in Teile auseinander fährt, fährt dem Zuseher auch die Metaphorik davon. Es ist nicht nachzuvollziehen, was damit gewollt oder gesollt wird.

              Im Vergleich zum Cardillac, den die Staatsoper unlängst brachte, ist Matthis der Maler ein durchwegs banales Werk. Dass der Komponist sich in seiner Zeit mit der Position des Künstlers in einer aus den Fugen geratenen Welt herumzuschlagen hatte, macht manches vielleicht verstehbar, aber deswegen nicht interessanter.

              Hier hat wiederum das Schielen auf eine möglichst breite Publikumsverträglichkeit das Aufgreifen eines ernsthaft bedeutenden Werks der klassischen Moderne verhindert. So eben der späte Hindemith. Was kann man machen?

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                Das können’s in Wien auch…

                Ich habe an dieser Stelle bereits ausreichend über die uninspirierte Programmgestaltung der österreichischen Auswahl der Live in HD Serie der MET in dieser Saison gemeckert. Les Troyens wird nicht in die heimischen Kinos übertragen, stattdessen ein paar eher sattsam bekannte Verdi-Opern, die auch sonst allerorten auf den Spielplänen stehen.

                Eine davon ist der Maskenball in der banalen Inszenierung von David Alden unter dem Dirigat von Fabio Luisi.

                Mit Sondra Radvanovsky hat man in New York eine gute wenn auch schon reichlich überwuzelte Amelia, die aber nur in der Mittellage wirklich große Klasse erweist. Ihr steht ein etwas farbarmer Marcelo Álvarez als König gegenüber, der sich am Notentext von Giuseppe Verdi besonders in den tieferen Passagen hörbar müht.

                Umgekehrt ist Haustenor Dmitri Hvorostovsky dem Höhen wie Tiefen in gewohnter Manier gewachsen, wenn auch verhalten und nur in den glanzvollsten Passagen auch ehrlich aus sich heraus singend. (In den Pauseninterviews beweist er allerdings seine nicht eben geringe Arroganz.)

                Mitreißend singt einzig Stephanie Blythe, die der Rolle der Ulrica dämonische Gewalt verleiht. Arm dagegen die junge Kathleen Kim, vornehmlich, weil sie von der Ausstattung – ganz und gar inspirationsfrei: Brigitte Reiffenstuel – in ein unpassendes, und dabei zutiefst lächerliches Engels- oder Schmetterlingskostüm gesteckt ward. Man muss sich beim Nachwuchs doch einiges gefallen lassen.

                Der Maskenball gehört in die Reihe der B-Opern, wie man das Zeug in Anlehnung an die zweite Garnitur der Spielfilme nennen könnte, zwar durchaus nicht einfach zu singen, aber insgesamt unrund und von wackliger Architektur, Massenware eben.

                Wenn man bisweilen, wie beim neuen Ring, mit Wehmut über den Atlantik blickt, so holt einen so eine Routineproduktion wieder heim; das können’s in Wien auch. Einzig das karge, geschliffene Bühnenbild von Paul Steinberg könnte man den hiesigen Mopsaugen zum Vorbild empfehlen.

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                  Der Blick von drüben

                  Über diese gigantische Schlacht ist viel geschrieben und allerdings auch viel gelogen worden, bewusst oder unterbewusst, sie ist zu dem entscheidenden Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs stilisiert worden, obzwar sie eigentlich bloß der Punkt der äußersten Dehnung des deutschen Vormarsches war, der sich in der Weite des russischen Raumes von vornherein totlaufen musste.

                  Die Betrachtung war aber bislang eine eher schiefe: es gab aus der Sowjetunion nur die offiziöse Darstellung, aus der bis heute der Geist Stalins weht, und selbst im modernen Russland wird an der Legende vom Großen Vaterländischen Krieg auch im Detail nicht gerüttelt.

                  Dabei bergen die ehemals sowjetischen Archive wahre Schätze: Die Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht.

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                  Mitten im Krieg, als noch keineswegs sicher war, ob der Ansturm der deutschen Horden sich bremsen oder gar zurück drängen lassen würde, gründete man aus einem Kreis von Historikern eine Kommission, die an die Fronten reiste und Beteiligte, vom General bis zum Schützen, aber auch nichtmilitärisches Hilfspersonal und etliche Zivilisten befragte.

                  Die Historiker um den Moskauer Geschichtsprofessor Issak Minz erfassten die Aussagen von hunderten Kriegsteilnehmern, darunter auch etlichen deutschen Gefangenen, in akribischer Weise, penibel protokolliert und unkommentiert wie ungeschönt – und genau so blieben sie zum Glück in den vergessensresistenten Archiven erhalten.

                  Der Historiker Jochen Hellbeck durfte dieses Archivmaterial nicht nur sichten sondern auch übersetzen und publizieren, obgleich es in Russland selbst noch keineswegs öffentlich zugänglich ist.

                  Im Gegensatz zu einer deutschen Stalingrad-Literatur, die durchwegs vom verratenen Heldenmut getränkt scheint, treten aus den russischen Protokollen reale Menschen entgegen, die von Angst und Hass erzählen, die sich anschicken, Heimat und Sozialismus zu verteidigen als die Pfeiler ihrer unabhängigen Existenz.

                  Wenn sich die deutschen Strategen unter dem Einfluss Hitlers in einem wesentlichen Punkt ganz und gar verschätzt haben, dann war es zweifellos die Festigkeit der Heimatliebe und tiefe Verwurzelung des Stalinregimes in der Bevölkerung; mochte auch die Armee zu Beginn des deutschen Feldzugs wanken, der Koloss Sowjetunion stand keineswegs auf tönernen Füßen. Im Gegenteil, zusammen gebrochen ist das Deutsche Reich, weil es von vorn herein die Chance, die Sowjetunion zu besiegen, niemals hatte.

                  Aufgeräumt wird auch mit einem Vorurteil: dass der zähe russische Widerstand einzig Stalins berüchtigten Befehl Nummer 270 zu verdanken gewesen sei; es dürfte jedoch im Gegenteil echter Verteidigungswille gewesen sein, gepaart mit einer Änderung in der militärischen Führung, die an der deutschen Strategie zu lernen begann und nicht mehr einfach ganze Armeen umfassen und einschließen ließ.

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                    Süffig und berückend schön

                    Das britische Belcea Quartett hat in der letzten Saison im Mai einen Höhepunkt des Wiener Konzertgeschehens gesetzt mit seiner Aufführungsserie aller Streichquartette von Ludwig van Beethoven innerhalb von nur knapp drei Wochen. Nun sind sie zurück mit einem eher süffigen Programm:

                    Zum Aufwärmen spielen Corina Belcea-Fisher, erste Violine, Axel Schacher, zweite Violine, Krzysztof Chorzelski, Bratsche, und Antoine Lederlin, Violoncello, das Streichquartett d-moll Hob. III/83 aus der Spätphase von Joseph Haydn. Das Werk trägt unverkennbar die Charakteristika des reifen Haydn, die Quintessenz seines langen Weges der Entwicklung, den er für die gesamte Gattung eingeschlagen hat.

                    Anders das erste Streichquartett e-moll “Z mého života / Aus meinem Leben” von Bedrich Smetana, ein überraschend vielschichtiges, wenn auch über weite Strecken sehr eingängiges Stück, das sich bestens für breites Publikum eignet, aber leider doch recht selten gespielt wird.

                    Den Abschlus macht Dmitri Shostakovich mit seinem sicher konventionellsten Streichquartett 3 F-Dur op. 73, das mit seinem hüpfenden Rhythmus und der einprägsamen, bisweilen simplen Melodik gleichfalls die höchste Breitentauglichkeit im Schaffen des Russen aufweist.

                    Nichts desto trotz ein brilliant gespieltes Konzert. Und dass sie auch den späten Beethoven in den Fingern haben, beweisen die Vier mit dem hauchzarten Lento aus op. 135. Auch wenn ich sehr gegen das Aufführen herausgelöster Sätze bin – es ist doch berückend schön!

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