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Mitunter Müll auf hohem Niveau

Man darf von einem Kaliber wie Dr. John sicher erwarten, so manches lebendige Stück in handwerklicher Perfektion serviert zu bekommen. Allerdings ist der Altmeister auf seinem letzten Album Ske-Dat-De-Dat – The Spirit of Skatch einem ähnlichen Wahn verfallen, wie neuerdings auch Bob Dylan. Dr. John singt aber nicht einfach alte Hadern nach – wobei von Singen bei Dylan ohnehin nur unter Zuhalten mehrerer Ohren wirklich die Rede sein kann -, sondern übt sich im Stilmix.

Dr. John: Ske-Dat-De-Dat - The Spirit of Satch

Dr. John: Ske-Dat-De-Dat – The Spirit of Satch

Viele davon sind allerdings Griffe in die falsche Kiste. Besonders eklatant fällt das auf, wenn Jack The Knife als Rap verstammelt wird: das ist von der Warte des Rap betrachtet sicher eine Verbesserung, selten je hat so hochkarätiges Personal sich dazu hergegeben. Nach einer Bläsersektion wie der auf Ske-Dat-De-Dat könnten sich Populär-Rapper alle Finger ablecken. Das macht aber das Gesamte nicht besser: vom Blickpunkt eines Vollblut-Bluesman und -Jazzers wie Dr. John ist das ganze einfach Müll. Wenn auch auf hohem Niveau.

Es gibt natürlich auch Stücke in typischer Dr. John-Manier, wenn auch alles sehr kantengeglättet und gebügelt, durchgängigig weichgespült und zugesmootht. Das gilt exemplarisch für Nobody Knows The Trouble I’ve Seen: der alte Gospel ist so verfaserschmeichelt, dass das Ganze vermutlich nur mehr für Tea-Party-Wähler aus New Hampshire erwähnenswert sein mag. Inbrunst gibt’s woanders.

Nervig ist aber vor allem die recht wahllose Reise durch die Stile, die ein Durchhören des Albums ganz und gar unmöglich macht. Das ist ein Geschüttel wie von einem unfähigen Musikredakteur – zwar das Gegenteil von durchgestylt, aber halt eine Abfolge von Stilbrüchen ohne jede Spannung.

Und mittendrin eine Combo von ganz außerordentlichen Fähigkeiten. Schade, das wird kein oft gespielter Titel in der Sammlung. Zu viel Potential fürs Ärgern.

The Old Man & The Blues

OK, man wird alt. Beim Stöbern nach alten Konzertplakaten aus den guten alten Hippie-Tagen Ende der Sechziger Jahre bin ich auf einen Musiker gestoßen, der auf vielen dieser Ankündigungen groß mit von der Partie war, neben den Grateful Dead und allen anderen: James Cotton.

Und zufällig hab ich unlängst in einem Pulk von CDs eine gefunden, wo die Bluesharp von Jimmie Cotton auf den Bass von Charlie Haden trifft:

James Cotton & Charlie Haden: Deep in the Blues

James Cotton & Charlie Haden: Deep in the Blues

Deep In the Blues ist eine reife Auseinandersetzung mit dem Blues, eingespielt erst 1996: ungeheuer melodisch, geschmeidig, mit Ecken und Kanten, die sozusagen da sind aber nicht hervor stehen.

Eine kleine Kollektion von Erinnerungsstücken an die gute alte Zeit habe ich auf pinterest zusammen geklickt. Work in Progress.

 

So sprach Lucy Crowe

So viel auch gegen Religion im Allgemeinen und im Speziellen einzuwenden sein mag, gegen die sakral-musikalischen Äußerungen von Komponisten vom Kaliber eines Antonio Vivaldi oder Georg Friedrich Händel kann man nichts haben. Und zum Glück sind die lateinischen Texte nur bruchstückhaft zu verstehen.

Händel und Vivaldi: Dixit dominus - Lucy Crowe

Händel und Vivaldi: Dixit dominus – Lucy Crowe

Spannend ist der direkte Vergleich eines Dixit dominus in der Umsetzung des Prete rosso mit dem Händel der frühen italienischen Phase. Beide sind spannend, ungeheuer musikalisch und kraftvoll. Man hört in beiden Versionen aber auch, dass man diese Musik ohne großes Aufheben in weltliche Umgebungen wie eine Oper transferieren kann. Händels Schlußchor beruht ja umgekehrt sogar auf einer Arie aus seiner Oper Almira von 1705.

Die englische Sopranistin Lucy Crowe singt neben den beiden Vertonungen von Psalm 110 auch Vivaldis grandiose Kantate In furore iustissimae irae mit seltener Klarheit und – trotz der gesanglich schwierigen Passgaen – verblüffender Eindringlichkeit. Das Ensemble La Nuova Musica dirigirt David Bates.

Mitterer in Toulouse

Die Oper Massacre á Paris von Wolfgang Mitterer, einstmals 2003 bei den Wiener Festwochen uraufgeführt, findet sich nun auf dem Spielplan des Théâtre du Capitole in Toulouse wieder.

Mitterer: Massacre - Théâtre du Capitole, Toulouse

Mitterer: Massacre – Théâtre du Capitole, Toulouse

Das wäre doch ein echter Anreiz, wieder mal nach Toulouse zu fahren…

Als schwachen Trost gibt es ja noch die ursprüngliche Einspielung auf dem Label col legno:

Wolfgang Mitterer: Massacre (col legno)

Wolfgang Mitterer: Massacre (col legno)

Vokalisen

Der Werkstattblick, den Bertl Mütter unlängst im Konzerthaus gewährte, hat mich dazu aufgestachelt, ein paar Produktionen unter seiner Mitwirkung auszugraben:

ChoralConcert: Passion

ChoralConcert: Passion

Allerdings: was das Trio Karl Scharnweber, Thomas Klemm und Wolfgang Schmiedt hier durchwegs bietet, ist fad.

Die zugrunde liegenden Choräle sind von anonymer Hand oder von weitestgehend unbekannten Komponisten – also mus die Frage, ob das musikalische Material schon so geschrieben wurde oder einer argen Vereinfachung zum Opfer gefallen ist, offen bleiben. Vielleicht taugt das Ganze aber zur Beschallung von Sakralräumen, das vermag ich nicht zu beurteilen.

Pepp kommt erst in die Sache, wenn auf ein paar Nummern das Vokalensemble Timbre um Lauren Newton eingreift: ihm gehört neben Elisabeth Tuchmann und Oskar Mörth auch Bertl Mütter an.

Und das führt zu der ungleich besseren, eigenen CD des Ensembles von 1994:

Lauren Newton Timbre

Lauren Newton Timbre

Das hat Drive!

La Joyce del Lago

Die Musik von Gioachino Rossini steht an der Schwelle von der barocken opera seria zur neueren dramatischen Oper – und hörbar ist sie bereits aufgebrochen in die damals noch recht frische Zukunft des Genres. Es ist aber noch viel da vom Artifiziellen und Artistischen, das der Barockoper ihren eigenen Reiz verleiht.

Mezzo Joyce DiDonato ist in diesen Tagen sicher eine der begnadeten Sängerinnen im Rossini-Repertoire. Die MET hat diese Saison eine Neuproduktion von La Donna del Lago im Programm:

In der Titelrolle ist Joyce DiDonato schon schon beinahe dauerhaft an ihren Bühnenpartner Juan Diego Flórez als Giacomo V. gebunden, so auch in dieser Produktion. Bei beiden kann man sehen, dass die Sicherheit im Material und Zusammenspiel das Traumwandeln im besten Sinn ermöglicht. Etwas abseits steht dabei Tenor John Osborne als einer der drei Verehrer der Frau vom See.

Der dritte im Bunde, der schließlich als glücklicher Gewinner aus dem Wettstreit hervorgehen wird, ist eine Sie: Mezzo Daniela Barcellona singt einen sehr innigen, wenig triumphalen Malcolm, angelegt als liebenswerter Looser.

Dirigent Michele Mariotti hat sich trotz seiner Jugend bereits eine internationale Reputation für die Musik Rossinis erarbeitet – und führt das Orchester der MET sicher und detailgenau durch das Werk.

Wenig bemerkenswert ist dagegen die Inszenierung von Paul Curran ausgefallen: weder ist eine psychologische Zeichnung der Figuren festzustellen noch eine Interpretation der – zugegeben: dürftigen – Handlung. Zum Glück ist die konzentrierte Musik Rossinis stärker als alle Abträglichkeiten der Umsetzung.

Dass Rossini hier seiner damaligen Frau geradezu himmlische Musik geschrieben hat, wird in der Wärme und Eleganz der Phrase von Joyce DiDonato spürbar.

Die Reduktionismuskeule

Man wirft aus Kreisen der Philosophie den Wissenschaften gerne vor, ein reduktionistisches Weltbild zu etablieren. Konkret geht es darum, dass vorgeblich die Wissenschaften alles und jedes aus den Grundlagen von Physik, Chemie und Biologie zu erklären versuchen. Für den Geist bleibt da nur die Rolle einer Emanation des physischen Gehirns. Und daran reiben die Philosophen sich gerne, da sie befürchten (müssen), dass ihnen ein wesentliches Steckenpferd ihrer Profession abhanden komme.
Das Kernargument, also das eigentliche Keulenschwingen der Philosophen, geht ungefähr so:

eine bestimmte naturalistische Weltanschauung, die eine hierarchische Beziehung unter den Gegenständen dieser Wissenschaften postuliert und durch ihre Vereinigung die grundsätzliche Vollständigkeit einer Erklärung für alles im Universum geltend macht

um gleich Thomas Nagel zu zitieren (Geist und Kosmos, 12).

Hier wird eine ellenbogenstoßende Kumpelei genutzt: ist doch klar, dass wir unvollkommene Menschen nicht den finalen Gesetzmäßigkeiten des Universums auf die Schliche kommen können. Und dem kann man gesunden Geistes auch nicht wirklich widersprechen. Selbst wenn wir nahezu unendlich Zeit haben werden, unsere Forschungen zu verfeinern, werden wir uns der Wahrheit in diesem absoluten Sinn nur auf eine unendlich knappe Distanz zu nähern vermögen. Davon können wir ausgehen.

Der Fehler, bei dem der Kritiker seinerseits reduktionistisch vorgeht, ist es aber, der Wissenschaft dieses Ziel zu unterstellen. Man verwechselt hier den Traum so mancher Optimisten, die man als Gläubige der wissenschaftlichen Omnipotenz bezeichnen könnte, und die historisch zweifellos belegbare Hoffnung auf eine Allformel mit dem, was Wissenschaft tagtäglich tut.

Das Ziel der Gehirnwissenschaften ist es nicht, die Welt auf eine Formel zu reduzieren. Ihr Ziel ist es vielmehr, herauszufinden, wie ein chemisch-elektrisches Organ wie das Gehirn ein Phänomen wie den Geist hervor bringt.

Wir haben nun große Probleme damit, zu definieren, was eigentlich dieser Geist ist – und der wesentliche Teil der Probleme stammt aus Theologie und Philosophie.

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apocolocynthosis Serseni

Etwa im Jahre 54 u.Z. hat Seneca einen bitterbösen Nachruf auf den Kaiser Claudius verfasst, den er mit dem griechischen Neologismus apocolocynthosis – also etwa: Verkürbissung – betitelt hat, klar in Anspielung auf die Apotheose des verstorbenen Kaisers.

So eine Verkürbissung gereicht natürlich niemandem zur Ehre und ist das gerade Gegenteil des nil nisi bene.

Wenn Georg Friedrich Händel sich in einer seiner Opern einer historischen Figur annimmt, dann ist das allemal eine ausgewachsene Verkübissung: selbst arg liebestollen Vorbildern aus der Geschichte kann man nicht zutrauen, sich auch nur annähernd so abstrus zu verhalten wie die Figuren in den Libretti der Händel’schen Opern.

Regeln für das geistige Wohlergehen des Opernfreunds #1
Libretti sind blöd. Es ist gut, dass sie sich einer Sprache bedienen, die man nur ungenügend versteht.

Das ist für deutschsprachige Opernfreunde am allereinfachsten an Richard Wagner und seinem Ring festzumachen: die Dichtung ist haarsträubender Unsinn. Was nicht ausschließt, dass man in einen solchen Haufen Unsinn etwas hinein-geheimnissen oder aus ihm heraus-stierln kann… Das gleiche gilt für die Texte in den meisten Opern, schon gar denen des Barock. Eine Eindeutschung ist umso fataler, je genauer sie die Handlung des Originals spiegelt.

Die Wiedergabe in Originalsprache hilft uns meistens, eine gewisse Unschärfe zwischen die Texte und ihrem Verständnis zu legen, denn auf Italienisch klingt manches gut, was dem Wortsinn nach gelinde gesagt Schwachsinn ist. Bei Wagner ist das Deutsch so verdreht, dass man gut damit leben kann – wenn einem der Schmarren nicht per Untertitel mitten ins Bild gesetzt wird. Das tut dann weh und ist geeignet, eine noch so gute Aufführung zu zerstören. Zum Glück kann man bei DVDs und Blue Rays die Untertitelung abschalten.

Ja, diese Texte sind wirklich so dumm. Wenn man daher eine der großen Opern Händels in deutscher Fassung spielt, ist für den Zuhörer die Fassung nur schwer zu behalten. Es ist schlichtweg eine Zumutung.

Regeln für das geistige Wohlergehen des Opernfreunds #2
Um der Handlung zu folgen, reicht eine grobe Inhaltsangabe.

Man kann sich getrost zurück lehnen: es passiert schon nichts, was man verpassen könnte.

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In Bertl Mütters Komponierhäuschen

Man stellt sich das normalerweise recht fad vor, bei einem Komponisten in der Werkstatt. Wenn ich an Mahlers Komponierhäuschen denke, glaube ich nicht, dass es da besonders was zu sehen oder erleben gegeben haben wird. Aber der hat uns ja auch keine Führung und kein Werkgespräch angeboten.

Das Konzerthaus hat es sich in dieser Saison angelegen sein lassen, den von mir seit jeher bewunderten Mit-Steyrer Bertl Mütter für eine Reihe von Vorveranstaltungen, was immer das eigentlich bedeuten mag, zu gewinnen, uner dem Titel Schule des Staunens. Und was soll ich sagen? Gestaunt hab’ ich.

Eine Stunde vor dem Abonnement-Termin mit den Symphonikern präsentierte er sein opus düdt – Dialog über die Torheit für zwei Akkordeonisten und sparsame Tröte in einer Art von Werkstattblick.

Ich war zunächst etwas enttäuscht, hätte ich mir doch eine Darbietung erwartet, aber zum Glück wird man da nicht gefragt. Meister Mütter hat eine pointierte und pointenreiche Führung durch sein Werk vorgelegt, die mehr als nur amüsant sondern überaus erhellend war. Wenn man den Wagner noch durchaus zu hören im Stande gewesen wäre, so gehört das Motiv aus der Filmmusik des deutschen Science Ficton Unfalls Raumpatrouille Orion (Komponist Peter Fischer) zu den eher ephemeren musikalischen Erinnerungen.

Bertl Mütters Präludium war auf jeden Fall wohltuend und deutlich frischer als das anschließende Konzert der Wiener Symphoniker unter Mark Elder: das Vorspiel ist relativ das beste am Parsifal, damit hat sich’s dann aber schon: die ganze Oper ist mir ein Graus. Hier bestehe ich auf die Ignoranz des Ahnungslosen. Dann das Violinkonzert von Britten (Solist: James Ehnes). Nun ja, es klingt viel Prokofiev durch, aber da könnte man vielleicht besser gleich das Original… In Britten wird das ganze Elend der englischen Musik nach John Dowland offenbar, die es erst mit Harrison Birtwistle wieder auf internationales Niveau geschafft hat, nach einem knappen halben Jahrtausend. Und zum Schluss Mendelssohn-Bartholdys Reformationssymphonie. Immerhin das zweitbeste Stück an diesem Abend – nach düdt.

Es war eine intellektuell sehr ertragreiche Woche:

  • Geologin Maria Heinrich beglückte mich Mittwoch morgens im Ö1 Wissenschaftseck mit der Maxime: die Einzelkornbetrachtung bringt beim Sand nicht so viel,
  • dem Bertl verdanke ich die eigentlich naheliegende, aber gewöhnlich verborgene Erkenntnis, dass sich ein G’scheiter wohl blöd stellen kann, es aber umgekehrt auf gewisse Schwierigkeiten stößt, wollte sich ein Blöder g’scheit stellen *
  • sowie die Wiedererweckung des längst verschütt gegangenen: Rücksturz zur Erde!

* allerdings arbeitet unsere gesamte Regierungsmannschaft mit Hochdruck daran, diesen Wunschtraum der Menschheit Realität werden zu lassen – und so richtig arg weit weg sind sie davon ja gar nicht.

Die vergebliche Vorsicht

Heute steht Giovanni Paisiello im Schatten Rossinis – und schon gar, was den Barbiere di Siviglia angeht: beide haben das gleiche Libretto vertont, Rossini fast 34 Jahre später, aber noch zu Lebzeiten Paisiellos.

Die Unterschiede könnten kaum größer sein, zwischen den beiden Vertonungen liegt die Durchsetzung der sogenannten Opernreform Glucks. Paisiello komponierte noch eine traditionelle opera seria, Rossini dagegen schon ganz im modernen Stil. Anno 1816 ist Rossini damit durchgefallen, sein Vorgänger hatte weitaus mehr Erfolg. Allerdings nicht von Bestand, denn heute ist Paisiellos Barbier die Rarität…

Und trotzdem: auch wenn man Rossinis Barbier nicht vorhalten will, dass das Werk inzwischen reichlich angedroschen ist, bietet die opera seria ungeahnte Höhepunkte, neben denen Rossini eigentlich gar nicht so großartig abschneidet. Die Musik hat enorm viel Witz bei Paisiello, weitaus weniger Emphase als bei Rossini – und das tut dem Werk eigentlich gut. Paisiellos Komposition wirkt deutlich frischer.

Das mag natürlich daran liegen, dass im Theater an der Wien kein geringerer als René Jacobs am Pult des Freiburger Barockorchesters das musikalische Geschehen bestimmt. Hier wird luzide, klarsichtig und pointiert musiziert, die an zahlreichen Stellen eingebaute musikalische Komik Paisiellos darf blitzen und schimmern wie nur je.

Pietro Spagnoli singt einen von Eifersucht getriebenen Vormund auf seiner Bahn in die unvermeidliche Niederlage. Der ranke Finne Topi Lehtipuu, so nebenbei ab 2016 auch Musikdirektor des Helsinki Festival, singt einen hilfsbedürftigen Almaviva, André Schuen den resoluten Diener und Herumtreiber Figaro. Dessen Arie über seine Wegen kreuz und quer durch Spanien lässt schon seinen großartigen Metierkollegen Leporello grüßen. Paisiello klingt nicht selten wie Zeitgenosse Mozart – und das ist nicht einmal geringschätzig gemeint. Ganz zu recht hatte er zu Lebzeiten enormen Erfolg.

Die Norwegerin Mari Eriksmoen, hier am Haus schon als Euridice in Monteverdis Orfeo bewundernwert, kriegt von der Regie einen verzagten Start verordnet: zunächst will man nicht recht glauben, wie distanziert ihr Auftrittsarie klingt – doch es ist dem Konzept geschuldet, das sie eine komplette Szene tief im Hintergrund der Bühne singen lässt. Dass es nicht an ihr liegt, hört man spätestens im zweiten Akt. Sie ist eine glänzend unbedarfte Rosina mit dem ganzen Repertoire vom zarten Schmelz bis in die Entrüstung. Von der Leidenschaft gar nicht zu reden. Ich würde das Gehörte getrost höher bewerten als die nicht unbegnadete Graziella Sciutti von 1959.

Leider gibt’s noch keinen Ton von Paisiello von Mari Eriksmoen, zum Trost sei auf den Mozart’schen Figaro verwiesen.

Mit anderen Worten: die Regie murkst. Moshe Leiser und Partice Caurier simulieren einen Otti Schenk, scheitern aber daran. Nahezu sämtliche Angebote von Komponist und Librettist, in das Lustspiel einzutauchen, lassen sie ungenutzt vorüber gehen. Allerdings wäre es doch noch ein Stück weiteren Wegs gewesen, den sie aber nicht gegangen sind, das Ganze gegen seinen Strich zu bürsten. Komödie findet allein in der Partitur statt. Bei einem so selten gespielten Werk wird somit geradezu die Chance eines Jahrzehnts vertan. Die Ausstattung passt dazu, wenngleich sie im Detail recht liebevoll ist (antike Lichtschalter!).

Ob des Werks und der stupenden Musikalität des gesamten Ensembles ergab sich ein mehr als gelungener Abend – es hätte aber auch konzertant nicht wirklich was gefehlt. Leider. Das Werk heisst zwar im Titel ossia la precauzione inutile, jedoch bedeutet das nicht die vergebliche Umsetzung.