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So sprach Lucy Crowe

So viel auch gegen Religion im Allgemeinen und im Speziellen einzuwenden sein mag, gegen die sakral-musikalischen Äußerungen von Komponisten vom Kaliber eines Antonio Vivaldi oder Georg Friedrich Händel kann man nichts haben. Und zum Glück sind die lateinischen Texte nur bruchstückhaft zu verstehen.

Händel und Vivaldi: Dixit dominus - Lucy Crowe

Händel und Vivaldi: Dixit dominus – Lucy Crowe

Spannend ist der direkte Vergleich eines Dixit dominus in der Umsetzung des Prete rosso mit dem Händel der frühen italienischen Phase. Beide sind spannend, ungeheuer musikalisch und kraftvoll. Man hört in beiden Versionen aber auch, dass man diese Musik ohne großes Aufheben in weltliche Umgebungen wie eine Oper transferieren kann. Händels Schlußchor beruht ja umgekehrt sogar auf einer Arie aus seiner Oper Almira von 1705.

Die englische Sopranistin Lucy Crowe singt neben den beiden Vertonungen von Psalm 110 auch Vivaldis grandiose Kantate In furore iustissimae irae mit seltener Klarheit und – trotz der gesanglich schwierigen Passgaen – verblüffender Eindringlichkeit. Das Ensemble La Nuova Musica dirigirt David Bates.

Mitterer in Toulouse

Die Oper Massacre á Paris von Wolfgang Mitterer, einstmals 2003 bei den Wiener Festwochen uraufgeführt, findet sich nun auf dem Spielplan des Théâtre du Capitole in Toulouse wieder.

Mitterer: Massacre - Théâtre du Capitole, Toulouse

Mitterer: Massacre – Théâtre du Capitole, Toulouse

Das wäre doch ein echter Anreiz, wieder mal nach Toulouse zu fahren…

Als schwachen Trost gibt es ja noch die ursprüngliche Einspielung auf dem Label col legno:

Wolfgang Mitterer: Massacre (col legno)

Wolfgang Mitterer: Massacre (col legno)

Vokalisen

Der Werkstattblick, den Bertl Mütter unlängst im Konzerthaus gewährte, hat mich dazu aufgestachelt, ein paar Produktionen unter seiner Mitwirkung auszugraben:

ChoralConcert: Passion

ChoralConcert: Passion

Allerdings: was das Trio Karl Scharnweber, Thomas Klemm und Wolfgang Schmiedt hier durchwegs bietet, ist fad.

Die zugrunde liegenden Choräle sind von anonymer Hand oder von weitestgehend unbekannten Komponisten – also mus die Frage, ob das musikalische Material schon so geschrieben wurde oder einer argen Vereinfachung zum Opfer gefallen ist, offen bleiben. Vielleicht taugt das Ganze aber zur Beschallung von Sakralräumen, das vermag ich nicht zu beurteilen.

Pepp kommt erst in die Sache, wenn auf ein paar Nummern das Vokalensemble Timbre um Lauren Newton eingreift: ihm gehört neben Elisabeth Tuchmann und Oskar Mörth auch Bertl Mütter an.

Und das führt zu der ungleich besseren, eigenen CD des Ensembles von 1994:

Lauren Newton Timbre

Lauren Newton Timbre

Das hat Drive!

La Joyce del Lago

Die Musik von Gioachino Rossini steht an der Schwelle von der barocken opera seria zur neueren dramatischen Oper – und hörbar ist sie bereits aufgebrochen in die damals noch recht frische Zukunft des Genres. Es ist aber noch viel da vom Artifiziellen und Artistischen, das der Barockoper ihren eigenen Reiz verleiht.

Mezzo Joyce DiDonato ist in diesen Tagen sicher eine der begnadeten Sängerinnen im Rossini-Repertoire. Die MET hat diese Saison eine Neuproduktion von La Donna del Lago im Programm:

In der Titelrolle ist Joyce DiDonato schon schon beinahe dauerhaft an ihren Bühnenpartner Juan Diego Flórez als Giacomo V. gebunden, so auch in dieser Produktion. Bei beiden kann man sehen, dass die Sicherheit im Material und Zusammenspiel das Traumwandeln im besten Sinn ermöglicht. Etwas abseits steht dabei Tenor John Osborne als einer der drei Verehrer der Frau vom See.

Der dritte im Bunde, der schließlich als glücklicher Gewinner aus dem Wettstreit hervorgehen wird, ist eine Sie: Mezzo Daniela Barcellona singt einen sehr innigen, wenig triumphalen Malcolm, angelegt als liebenswerter Looser.

Dirigent Michele Mariotti hat sich trotz seiner Jugend bereits eine internationale Reputation für die Musik Rossinis erarbeitet – und führt das Orchester der MET sicher und detailgenau durch das Werk.

Wenig bemerkenswert ist dagegen die Inszenierung von Paul Curran ausgefallen: weder ist eine psychologische Zeichnung der Figuren festzustellen noch eine Interpretation der – zugegeben: dürftigen – Handlung. Zum Glück ist die konzentrierte Musik Rossinis stärker als alle Abträglichkeiten der Umsetzung.

Dass Rossini hier seiner damaligen Frau geradezu himmlische Musik geschrieben hat, wird in der Wärme und Eleganz der Phrase von Joyce DiDonato spürbar.

Die Reduktionismuskeule

Man wirft aus Kreisen der Philosophie den Wissenschaften gerne vor, ein reduktionistisches Weltbild zu etablieren. Konkret geht es darum, dass vorgeblich die Wissenschaften alles und jedes aus den Grundlagen von Physik, Chemie und Biologie zu erklären versuchen. Für den Geist bleibt da nur die Rolle einer Emanation des physischen Gehirns. Und daran reiben die Philosophen sich gerne, da sie befürchten (müssen), dass ihnen ein wesentliches Steckenpferd ihrer Profession abhanden komme.
Das Kernargument, also das eigentliche Keulenschwingen der Philosophen, geht ungefähr so:

eine bestimmte naturalistische Weltanschauung, die eine hierarchische Beziehung unter den Gegenständen dieser Wissenschaften postuliert und durch ihre Vereinigung die grundsätzliche Vollständigkeit einer Erklärung für alles im Universum geltend macht

um gleich Thomas Nagel zu zitieren (Geist und Kosmos, 12).

Hier wird eine ellenbogenstoßende Kumpelei genutzt: ist doch klar, dass wir unvollkommene Menschen nicht den finalen Gesetzmäßigkeiten des Universums auf die Schliche kommen können. Und dem kann man gesunden Geistes auch nicht wirklich widersprechen. Selbst wenn wir nahezu unendlich Zeit haben werden, unsere Forschungen zu verfeinern, werden wir uns der Wahrheit in diesem absoluten Sinn nur auf eine unendlich knappe Distanz zu nähern vermögen. Davon können wir ausgehen.

Der Fehler, bei dem der Kritiker seinerseits reduktionistisch vorgeht, ist es aber, der Wissenschaft dieses Ziel zu unterstellen. Man verwechselt hier den Traum so mancher Optimisten, die man als Gläubige der wissenschaftlichen Omnipotenz bezeichnen könnte, und die historisch zweifellos belegbare Hoffnung auf eine Allformel mit dem, was Wissenschaft tagtäglich tut.

Das Ziel der Gehirnwissenschaften ist es nicht, die Welt auf eine Formel zu reduzieren. Ihr Ziel ist es vielmehr, herauszufinden, wie ein chemisch-elektrisches Organ wie das Gehirn ein Phänomen wie den Geist hervor bringt.

Wir haben nun große Probleme damit, zu definieren, was eigentlich dieser Geist ist – und der wesentliche Teil der Probleme stammt aus Theologie und Philosophie.

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apocolocynthosis Serseni

Etwa im Jahre 54 u.Z. hat Seneca einen bitterbösen Nachruf auf den Kaiser Claudius verfasst, den er mit dem griechischen Neologismus apocolocynthosis – also etwa: Verkürbissung – betitelt hat, klar in Anspielung auf die Apotheose des verstorbenen Kaisers.

So eine Verkürbissung gereicht natürlich niemandem zur Ehre und ist das gerade Gegenteil des nil nisi bene.

Wenn Georg Friedrich Händel sich in einer seiner Opern einer historischen Figur annimmt, dann ist das allemal eine ausgewachsene Verkübissung: selbst arg liebestollen Vorbildern aus der Geschichte kann man nicht zutrauen, sich auch nur annähernd so abstrus zu verhalten wie die Figuren in den Libretti der Händel’schen Opern.

Regeln für das geistige Wohlergehen des Opernfreunds #1
Libretti sind blöd. Es ist gut, dass sie sich einer Sprache bedienen, die man nur ungenügend versteht.

Das ist für deutschsprachige Opernfreunde am allereinfachsten an Richard Wagner und seinem Ring festzumachen: die Dichtung ist haarsträubender Unsinn. Was nicht ausschließt, dass man in einen solchen Haufen Unsinn etwas hinein-geheimnissen oder aus ihm heraus-stierln kann… Das gleiche gilt für die Texte in den meisten Opern, schon gar denen des Barock. Eine Eindeutschung ist umso fataler, je genauer sie die Handlung des Originals spiegelt.

Die Wiedergabe in Originalsprache hilft uns meistens, eine gewisse Unschärfe zwischen die Texte und ihrem Verständnis zu legen, denn auf Italienisch klingt manches gut, was dem Wortsinn nach gelinde gesagt Schwachsinn ist. Bei Wagner ist das Deutsch so verdreht, dass man gut damit leben kann – wenn einem der Schmarren nicht per Untertitel mitten ins Bild gesetzt wird. Das tut dann weh und ist geeignet, eine noch so gute Aufführung zu zerstören. Zum Glück kann man bei DVDs und Blue Rays die Untertitelung abschalten.

Ja, diese Texte sind wirklich so dumm. Wenn man daher eine der großen Opern Händels in deutscher Fassung spielt, ist für den Zuhörer die Fassung nur schwer zu behalten. Es ist schlichtweg eine Zumutung.

Regeln für das geistige Wohlergehen des Opernfreunds #2
Um der Handlung zu folgen, reicht eine grobe Inhaltsangabe.

Man kann sich getrost zurück lehnen: es passiert schon nichts, was man verpassen könnte.

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In Bertl Mütters Komponierhäuschen

Man stellt sich das normalerweise recht fad vor, bei einem Komponisten in der Werkstatt. Wenn ich an Mahlers Komponierhäuschen denke, glaube ich nicht, dass es da besonders was zu sehen oder erleben gegeben haben wird. Aber der hat uns ja auch keine Führung und kein Werkgespräch angeboten.

Das Konzerthaus hat es sich in dieser Saison angelegen sein lassen, den von mir seit jeher bewunderten Mit-Steyrer Bertl Mütter für eine Reihe von Vorveranstaltungen, was immer das eigentlich bedeuten mag, zu gewinnen, uner dem Titel Schule des Staunens. Und was soll ich sagen? Gestaunt hab’ ich.

Eine Stunde vor dem Abonnement-Termin mit den Symphonikern präsentierte er sein opus düdt – Dialog über die Torheit für zwei Akkordeonisten und sparsame Tröte in einer Art von Werkstattblick.

Ich war zunächst etwas enttäuscht, hätte ich mir doch eine Darbietung erwartet, aber zum Glück wird man da nicht gefragt. Meister Mütter hat eine pointierte und pointenreiche Führung durch sein Werk vorgelegt, die mehr als nur amüsant sondern überaus erhellend war. Wenn man den Wagner noch durchaus zu hören im Stande gewesen wäre, so gehört das Motiv aus der Filmmusik des deutschen Science Ficton Unfalls Raumpatrouille Orion (Komponist Peter Fischer) zu den eher ephemeren musikalischen Erinnerungen.

Bertl Mütters Präludium war auf jeden Fall wohltuend und deutlich frischer als das anschließende Konzert der Wiener Symphoniker unter Mark Elder: das Vorspiel ist relativ das beste am Parsifal, damit hat sich’s dann aber schon: die ganze Oper ist mir ein Graus. Hier bestehe ich auf die Ignoranz des Ahnungslosen. Dann das Violinkonzert von Britten (Solist: James Ehnes). Nun ja, es klingt viel Prokofiev durch, aber da könnte man vielleicht besser gleich das Original… In Britten wird das ganze Elend der englischen Musik nach John Dowland offenbar, die es erst mit Harrison Birtwistle wieder auf internationales Niveau geschafft hat, nach einem knappen halben Jahrtausend. Und zum Schluss Mendelssohn-Bartholdys Reformationssymphonie. Immerhin das zweitbeste Stück an diesem Abend – nach düdt.

Es war eine intellektuell sehr ertragreiche Woche:

  • Geologin Maria Heinrich beglückte mich Mittwoch morgens im Ö1 Wissenschaftseck mit der Maxime: die Einzelkornbetrachtung bringt beim Sand nicht so viel,
  • dem Bertl verdanke ich die eigentlich naheliegende, aber gewöhnlich verborgene Erkenntnis, dass sich ein G’scheiter wohl blöd stellen kann, es aber umgekehrt auf gewisse Schwierigkeiten stößt, wollte sich ein Blöder g’scheit stellen *
  • sowie die Wiedererweckung des längst verschütt gegangenen: Rücksturz zur Erde!

* allerdings arbeitet unsere gesamte Regierungsmannschaft mit Hochdruck daran, diesen Wunschtraum der Menschheit Realität werden zu lassen – und so richtig arg weit weg sind sie davon ja gar nicht.

Die vergebliche Vorsicht

Heute steht Giovanni Paisiello im Schatten Rossinis – und schon gar, was den Barbiere di Siviglia angeht: beide haben das gleiche Libretto vertont, Rossini fast 34 Jahre später, aber noch zu Lebzeiten Paisiellos.

Die Unterschiede könnten kaum größer sein, zwischen den beiden Vertonungen liegt die Durchsetzung der sogenannten Opernreform Glucks. Paisiello komponierte noch eine traditionelle opera seria, Rossini dagegen schon ganz im modernen Stil. Anno 1816 ist Rossini damit durchgefallen, sein Vorgänger hatte weitaus mehr Erfolg. Allerdings nicht von Bestand, denn heute ist Paisiellos Barbier die Rarität…

Und trotzdem: auch wenn man Rossinis Barbier nicht vorhalten will, dass das Werk inzwischen reichlich angedroschen ist, bietet die opera seria ungeahnte Höhepunkte, neben denen Rossini eigentlich gar nicht so großartig abschneidet. Die Musik hat enorm viel Witz bei Paisiello, weitaus weniger Emphase als bei Rossini – und das tut dem Werk eigentlich gut. Paisiellos Komposition wirkt deutlich frischer.

Das mag natürlich daran liegen, dass im Theater an der Wien kein geringerer als René Jacobs am Pult des Freiburger Barockorchesters das musikalische Geschehen bestimmt. Hier wird luzide, klarsichtig und pointiert musiziert, die an zahlreichen Stellen eingebaute musikalische Komik Paisiellos darf blitzen und schimmern wie nur je.

Pietro Spagnoli singt einen von Eifersucht getriebenen Vormund auf seiner Bahn in die unvermeidliche Niederlage. Der ranke Finne Topi Lehtipuu, so nebenbei ab 2016 auch Musikdirektor des Helsinki Festival, singt einen hilfsbedürftigen Almaviva, André Schuen den resoluten Diener und Herumtreiber Figaro. Dessen Arie über seine Wegen kreuz und quer durch Spanien lässt schon seinen großartigen Metierkollegen Leporello grüßen. Paisiello klingt nicht selten wie Zeitgenosse Mozart – und das ist nicht einmal geringschätzig gemeint. Ganz zu recht hatte er zu Lebzeiten enormen Erfolg.

Die Norwegerin Mari Eriksmoen, hier am Haus schon als Euridice in Monteverdis Orfeo bewundernwert, kriegt von der Regie einen verzagten Start verordnet: zunächst will man nicht recht glauben, wie distanziert ihr Auftrittsarie klingt – doch es ist dem Konzept geschuldet, das sie eine komplette Szene tief im Hintergrund der Bühne singen lässt. Dass es nicht an ihr liegt, hört man spätestens im zweiten Akt. Sie ist eine glänzend unbedarfte Rosina mit dem ganzen Repertoire vom zarten Schmelz bis in die Entrüstung. Von der Leidenschaft gar nicht zu reden. Ich würde das Gehörte getrost höher bewerten als die nicht unbegnadete Graziella Sciutti von 1959.

Leider gibt’s noch keinen Ton von Paisiello von Mari Eriksmoen, zum Trost sei auf den Mozart’schen Figaro verwiesen.

Mit anderen Worten: die Regie murkst. Moshe Leiser und Partice Caurier simulieren einen Otti Schenk, scheitern aber daran. Nahezu sämtliche Angebote von Komponist und Librettist, in das Lustspiel einzutauchen, lassen sie ungenutzt vorüber gehen. Allerdings wäre es doch noch ein Stück weiteren Wegs gewesen, den sie aber nicht gegangen sind, das Ganze gegen seinen Strich zu bürsten. Komödie findet allein in der Partitur statt. Bei einem so selten gespielten Werk wird somit geradezu die Chance eines Jahrzehnts vertan. Die Ausstattung passt dazu, wenngleich sie im Detail recht liebevoll ist (antike Lichtschalter!).

Ob des Werks und der stupenden Musikalität des gesamten Ensembles ergab sich ein mehr als gelungener Abend – es hätte aber auch konzertant nicht wirklich was gefehlt. Leider. Das Werk heisst zwar im Titel ossia la precauzione inutile, jedoch bedeutet das nicht die vergebliche Umsetzung.

Und das alles wegen…

Nicht mehr erhältlich – oder nur mehr antiquarisch -, aber ausnehmend lesenswert:

Pietro Redondi: Galilei der Ketzer

Pietro Redondi: Galilei der Ketzer

Der Fall Galilei gereicht der katholischen Kirche seit nunmehr zwei Jahrhunderten zur Lächerlichkeit, so viel ist inzwischen Allgemeingut. Und gemeinhin nimmt man an, Galileo Galilei sei wegen seiner im Gefolge Keplers ketzerischen Ansichten über das heliozentrische Weltbild der Inquisition ins Gehege gekommen. Aber das reicht als Erklärung beileibe nicht aus, um zu verstehen, warum die zentralen Institutionen dieser Glaubensgemeinschaft sich bis heute vehement wehren, ihrerseits den Irrtum der Verurteilung Galileis zuzugeben.

Dem italienischen Wissenschaftshistoriker Pietro Redondi kommt das Verdienst zu, in diese Angelegenheit neue Aspekte eingebracht zu haben, als er Anfang der 1980er Jahre seine Theorie veröffentlichte: Galilei sei nicht primär wegen seiner Thesen über den Kosmos auf die Listen der Inquisition, die in Rom damals mehrheitlich von den Jesuiten beherrscht wurde, gelangt, sondern wegen seines Eintretens für eine Form der Atomtheorie.

Das ist nun etwas, mit dem man Galilei gemeinhin nicht in Zusammenhang bringt. In seiner frühen Schrift Il Saggiatore stecken jedoch in der Tat Ansätze dazu. Aber wo liegt dabei das Problem der Glaubenswächter?

Das Problem liegt in einem Dogma, das erst sehr spät in der Kirchengeschichte vom tridentinischen Konzil 1545-1563 festgelegt wurde, mithin nicht lange vor dem Saggiatore, der 1623 erschien. Die katholische Kirche hat sich unter vielen anderen Fragen auf dem Tridentinum auch auf die Glaubensinhalte zur Transsubstantion in der Eucharistie festgelegt.

Die Querelen dazu haben eine lange Historie und durchziehen das gesamte Mittelalter und die Scholastik. Im Kern geht es – laienhaft gesprochen – um die Frage, ob die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi nun echt ist oder symbolisch. Das Tridentinum hat festgelegt, dass diese Dinge echt zu verstehen sind.

Natürlich geht so ein offenkundiger Blödsinn nicht ohne geistige Verrenkungen ab – eine ganz wesentliche Rolle spielt dabei die scholastische Spitzfindigkeit der Beziehungen zwischen Substanz und Qualität, den Akzidentien.

Im Falle der Eucharistie, wo die Akzidentien ohne Substanz existieren, mußte man nur an ein Wunder denken, das den substantiellen Modus der Akzidentien des Brotes und des Weins trennte von der Material des Brotes und des Weins, ohne diese zu zerstören. Dank der Unterdrückung des substanziellen Modus behalten die Akzidentien ihre Realität (reale Spezies), aber es handelt sich nur scheinbar um Brot und Wein, denn diese Akzidentien sind nicht mehr mit ihrer Substanz vereint.

Wenn man dem Material eine grundlegende Rolle jenseits der Illusion zugestünde, vermöchte das ganze dogmatische Gebäude zum Einsturz verurteilt sein:

Aber: auch die Ansprüche der Vernunft hatten eine Grenze, und diese Grenze bildete klarerweise das eucharistische Dogma. Gott hätte niemals die Substanz von der Qualität getrennt, um die Menschen zu täuschen, wenn nicht die Substanz ex natura rei von der Qualität trennbar wäre.

Hier wird einerseits aus der theologischen Notwendigkeit eine ganze Welt abgeleitet – die sich aber nicht als stichhaltig erweist. In die andere Richtung aber droht eine Infragestellung dieser Weltsicht, das ganze Dogma zu kippen.

Man muss die Zeitläufe mit berücksichtigen: gerade eben hatten sich die Protestanten in einer ganzen Reihe solcher absurden Positionen vom Papsttum entfernt. Ob deren Positionen auf besseren Grundlagen fußen, sei jedoch dahingestellt. Insgesamt geht es mehr um kaiserliche Bärte als um irgendetwas Sinnvolles.

Eine Theorie vom Aufbau der Welt aus Atomen, wie rudimentär auch immer sie gegenüber dem heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild auch sein mochte, zog der ganzen scholastischen Debatte den weichen Teppich, auf dem sie zu ruhen pflegte. Und ein Dogma auf dieser Grundlage konnte nur mehr das sein, was Wittgenstein Jahrhunderte später knapp und treffend mit Unsinn bezeichnet hat.

Aus der Sicht der Gegenreformation ist aber das Untergraben der theologischen Fundamente eine sehr, sehr gefährliche Angelegenheit.

So sieht also der Hintergrund zu Redondis These aus, Galilei sei primär wegen seiner Verfechtung einer atomistischen Theorie der Materie verfolgt worden. Die Verurteilung wegen seiner Kosmologie sei nur erfolgt, weil man das wesentlich wichtigere Problem Atomismus nicht breit treten wollte. Angeblich war Galilei über diese Hintergründe informiert. Aber das bestreiten die meisten Galilei-Forscher, wie überhaupt die gesamte Version Redondis eher Ablehnung erfahren hat.

Aus heutiger Sicht offenbart sich damit immerhin etwas, was bestens zur Anmutung dieses Grundphänomens der Religion als solche passt: der Blödsinn kann noch so haarsträubend sein, wenn man die Macht hat, kann man auch Zustimmung erzwingen. Umso wichtiger ist es also, unsere Erfolge seit der Aufklärung mit allen Mitteln – auch der Lächerlichmachung - zu verteidigen. Was Blödsinn ist, muss Blödsinn bleiben!

Ein glaubwürdiger Werther

Natürlich ist Jonas Kaufmann da im Vorteil: wer von den renommierten Tenören kann denn den Goethe’schen Werther glaubhaft auf die Bühne stellen? Die Spanier und Südamerikaner eignen sich da nicht wirklich, ihnen nimmt man den Grübler nicht ab – und die Figur Werther ist alles andere denn feurig, das Wort hatte schon für Meister Goethe keinen nachvollziehbaren Sinn. Der Werther ist mehr wie ein Hähnchen, das im eigenen Saft schmort, und sein Selbstmord gleicht der finalen Einsicht, dass er jetzt durch ist. Heutzutage laufen solche Geschichten nur mehr in Groschenheften.

Irgendwann mal hat es aber Wellen geschlagen, und zwar nicht nur zur Bekanntmachung des jungen Goethe, sondern noch ein Jahrhundert später, als Jules Massenet sich des Stoffs angenommen hat und seinen ‘Werthér’ daraus formte. Den muss man klar vom Goethe’schen Original unterscheiden, denn die beiden Geschichten haben bis auf den Ort und das tragische Ende nun wirklich nichts gemein. Ist aber auch egal, sind beides elende Schmonzetten.

Das Grausliche an Massenet ist – egal in welcher seiner Opern – das zur Perfektion gesteigerte Romantische. Insoferne passen Sujet und Umsetzung beim ‘Werthér’ ideal zusammen. Viele Opernfans lieben das Zeug auch, weil es so schöne Melodien beinhaltet. Mir ist es eigentlich – wie fast alles auf der Epoche – einfach ein Graus.

Und doch: Jonas Kaufmann vermag die Figur musikalisch zu beleben und aus der Romanze heraus zu heben, als wär er der erste, der ein Wenig Modernität in der alten Schmonzette entdeckt hat. Das versöhnt dann doch über weite Strecken mit dem Werk. Zumindest muss ich es nicht bedauern, diesmal die Übertragung Live in HD aus der MET nicht geschwänzt zu haben.

Ganz anders Sophie Koch, die es eigentlich vermasselt: sie ist steif, man glaubt ihr keinen Ton lang die Situation; und obwohl sie im Pauseninterview von der Realitätsnähe der Inszenierung von Richard Eyre schwärmt, scheinen seine Instruktionen an ihr nahezu spurlos vorbei gegangen zu sein. Vielleicht liegt das auch an der Einschnürung durch die Kostüme. Leider ist sie auch gesanglich nicht auf der Höhe, das ist bestenfalls Durchschnitt. Obwohl ich das nicht wirklich mit anderen Charlotten vergleichen kann, schon allein, weil ich mir das Zeug höchst ungern anhöre. Es stimmt einfach nicht. Und meine andere Begegnung in überschaubarer Vergangenheit, jene am Kap der Guten Hoffnung, war ja sowieso durch und durch – nun ja: – exotisch.

Lisette Oropesa als Sophie in Massenets Werther

Lisette Oropesa als Sophie in Massenets Werther (mit S. Koch)

Die junge Lisette Oropesa ist als Sophie der wahre weibliche Lichtblick – aber das konnte sie auch schon im Falstaff unter Beweis stellen. Sie bewältigt die Partie in graziler Manier, singt gar allerliebst – und wird von Werthern trotzdem ignoriert. Das ist auch ein Problem dieser Opernfigur Werther, dass er beharrlich der überwuzelten Charlotte nachrennt, während er die viel hübschere Sophie mit einem Schnippen haben könnt’. Und die Besetzungsbüros aller Opernhäuser dieser Welt tun ihr Möglichstes, das noch zu unterstreichen.

Dagegen ist der Albert von David Bizic so steif wie die englische (?) Uniform, die man ihm völlig unpassenderweise verpasst hat. Er bringt sich nicht wirklich ins Spiel.

Dirigent Alain Altinoglu liefert eine schwelgerische Interpretation, so sehr auf der romantischen Seite, dass es bisweilen ins Kitschige kippt.