Vom Stalinismus zur Demokratie

Von harbran am 17. Mai 2012

Als KZ-Überlebender, Zeitzeuge und politischer Mahner ist Hermann Langbein aus den letzten Jahrzehnten seines Lebens in Erinnerung geblieben. Dass seine Biografie aber mehr Facetten umfasste als nur diese, insbesondere auch eine verbissen stalinistische Phase, ist weniger präsent.

Mit Zeitlebens konsequent: Hermann Langbein – Eine politische Biografie hat Brigitte Halbmayr exakt das vorgelegt, was der Titel ankündigt.

Langbein ist von Jugend an Kommunist, sehr dem Vater zum Trotz, engagiert sich in Österreich, hat unter den Klerikalfaschisten zu leider, flieht vor den Nazis und zieht mit den Internationalen Brigaden in den Spanischen Bürgerkrieg – der aber längst entschieden ist.

Mit der Demobilisierung kommen die Spanienkämpfer in französische Lager, zunächst in Gürs, dann geraten sie, nachdem Frankreich 1940 kapituliert, den Deutschen in die Fänge. Die Folge ist die Verschleppung nach Dachau. Von hier ab wird klar, dass die politischen Gefangenen in den deutschen Konzentrationslagern starke Untergrundorganisationen unterhalten, jedoch bekämpfen einander Sozialisten wie Kommunisten energisch, als wäre aus der Hitlerei draußen vor den Toren rein gar nichts zu lernen.

Vermutlich ist das Vertrauen in Gesinnungsgenossen höher, wenn es um äußerst gefährliche Verschwörungen geht; steht in Dachau noch der Konflikt zwischen den Linken im Vordergrund, scheint es in Ausschwitz, wohin Langbein verlegt wird, angeblich auf Betreiben eines sozialistischen Mitgefangenen, nur noch um den Menschen in einer zutiefst menschenverachtenden Umgebung zu gehen. Doch das Kümmern um andere als die Mitglieder der Gesinnungsgemeinschaft wirkt im Text eher aufgesetzt, als hätte man es nachträglich dazugemalt, um die eigene Distanz zur KP in die Zeit vor der Enttäuschung zurück zu verlängern.

Aus der Sicht von Hermann Langbein ist es zweifellos der feste Glaube an die kommunistische Sache, die ihn in diesem Aberwitz am Leben erhält. Und dabei hilft gewiss die Unkenntnis, dass zur selben Zeit der weise Genosse Stalin mit fast denselben Methoden sein Volk und die Reihen der internationalen Kommunisten ausrottet. Gegen diese Erkenntnis scheint der linientreue Kommunist Langbein so lange immun, als die Partei ihm zu tun gibt, ihn zu brauchen scheint, Verwendung für ihn hat – was zwangsläufig bald endet.
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Vom Überleben als Laufbursche

Von harbran am 16. Mai 2012

Als zwölfjähriger erlebte der brugenländische Jude Jonny Moser den Anschluss Österreichs an Nazideutschland – und musste die Jahre des Kriegs in Ungarn durchstehen:

Unter dem Titel Wallenbergs Laufbursche hat der Historiker seine Jugenderinnerungen 1938-1945 vorgelegt.

Minutiös beschreibt Moser die sofortige Zerstörung der jüdischen Gemeinden des Burgenlands; ging die Arisierung in Österreich generell beinah über Nacht über die Bühne, so scheint sie außerhalb Wiens noch dadurch beschleunigt worden zu sein, dass die Juden in ihrer Funktion als Nahversorger und Händler die ideale Angriffsfläche boten: hatten die einen Schulden bei ihnen, weil sie anders als viele arische Kaufleute auch während der Wirtschaftskrise anschreiben ließen, so gierten andere nach den gefüllten Warenlagern, denn früh im Jahr wurden Waren zu günstigen preisen gekauft, um sie dann später, wenn mit dem landwirtschaftlichen Jahreszyklus die Einkünfte der ländlichen Bevölkerung anfielen, gewinnbringend zu verkaufen. Leichte Beute für skrupellose Ariseure.

Moser zeigt in diesen Kapiteln aber auch, wie wie verschiedene Dienststellen des NS-Staates gegeneinander und an einander vorbei arbeiteten, wie einzelne Funktionsträger ihre eigene Bereicherung betreiben konnten und sich hinter ihren Funktionen sicher fühlten. Dennoch kam es im Burgenland zu Untersuchungen, Gerichtsverfahren und sogar Verurteilungen wegen privater Bereicherung – was aber keineswegs dazu führte, dass die entrechteten Juden etwas davon jemals wieder gesehen hätten. Es gibt anderen Armen der NS-Bürokratie darum, sich der Werte zu versichern.

Ungarn war in jenen Jahren nicht weniger judenfeindlich, wenngleich bedeutend weniger radikal. Wie überall hatte man auch in Budapest mit den mittellos vertriebenen Flüchtlingen wenig bis gar keine Freude. Die radikalen Judenfeinde waren in Ungarn zunächst weniger stark vertreten, erst im Strudel der Niederlage im Osten und angesichts des Näherrückens der roten Armee gewannen die ultraradikalen Pfeilkreuzler die Oberhand – und mit ihnen die deutschen Spezialisten um Eichmann. Als eine der letzten Populationen wurden die ungarischen Juden erst 1944 von der Vernichtungsmaschinerie erfasst – und eine mehr als tausend Jahre alte Kultur vernichtet.
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Abschluss mit Großer Fuge

Von harbran am 12. Mai 2012

Ludwig van Beethoven, alle Streichquartette – Belcea Quartett: Letzter Abend des Beethoven-Marathons mit dem Belcea Quartett: das frühe Streichquartett A-Dur op. 18/5 fehlt noch in der Gesamtaufführung – dazu wird das Streichquartett B-Dur op. 130 ein zweites mal, diesmal in der Variante mit der Großen Fuge B-Dur op. 133, angesetzt. Es kommt nicht oft vor, dass eine Gesamtaufführung oder Gesamteinspielung beide Varianten umfasst.

Beide Stücke werden in der inzwischen schon gewohnten Intensität zu Gehör gebracht, die nachgerade leichte Übung des Frühwerks von 1799, das komplexe Gebilde, noch ergänzt um den Kosmos der Großen Fuge, von 1825. Dazwischen liegt die Entwicklung eines Genius – und man kann das hören.

Der Abend zeigt, dass es ein riesiges Versäumnis ist, zwei der Konzerte nicht gehört zu haben. Auf jeden Fall darf die Veröffentlichung der Gesamteinspielung mit Spannung erwartet werden…

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Subtext der Enttäuschung

Von harbran am 7. Mai 2012

Ja, aus mehreren jüngeren Werken des einstigen DDR-Historikers Wolfgang Ruge spricht die Enttäuschung, im Namen einer großen Idee betrogen worden zu sein. Da wäre sein wenig idealistisches Porträt Lenin: Vorgänger Stalins, das ganz direkt den Mythos vom guten Lenin und bösen Stalin angeht, in dem es sich die Kommunismusnostalgiker aller Länder bequem gemacht haben.

Ruge ist aber noch bloß einer, der post festum über Geschichte schreibt, er ist einer, der wesentliche Teile dieser Geschichte, und vor allem des Mißlingens der kommunistischen Idee im real existierenden Sozialismus, am eigen Leibe erfahren musste:

In seiner Autobiografie Gelobtes Land: Meine Jahre in Stalins Sowjetunion schildert Ruge, wie er als hoffnungsfroher – und gläubiger – sechzehnjähriger Jungkommunist aus dem Deutschland Hitler zu fliehen gezwungen war, sich in die Sowjetunion Stalins durchschlug – und allmählich lernte, zu beobachten und vor allem keine Fragen zu stellen.

Diese ersten Kapitel seiner Zeit in Moskau vor dem Ausbruch von Stalin-Hitler-Pakt und Großem vaterländischem Krieg gehören in ihrer Subtilität zum feinsten, was über beginnende Desillusionierung geschrieben wurde: da ist dem jungen Deutschen vieles unverständlich, zunächst die reale Rückständigkeit hinter der großspurigen Propaganda, aber auch die Schizophrenie einer sich modern gebenden Gesellschaft mit mittelalterlichen Herrschaftsstrukturen. Und bald die allgegenwärtige Angst vor dem Terror.

Dieser trifft, zunächst in Gestalt der forschen Entinternationalisierung der Gesellschaft, auch den idealistischen Jungkommunisten, lässt ihn sich einordnen in den russischen Alltag – und beschert ihm schließlich die üblichen Verdächtigungen als Ausländer. Mit dem Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion wird Ruge wie alle anderen Deutschen auch zwangsdienstverpflichtet und hinter den Ural abgeschoben. Fürderhin erlebt er Verbannung und auch den Gulag als Arbeitsarmist.

Dass dem Kommunisten dabei vom real existierenden Sozialismus der Glaube ans Gute im Sowjetsystem ausgetrieben wird, liegt nicht nur an der persönlich erlittenen Behandlung, sondern offenbar auch an der wieder und wieder konstatierten Ineffizienz, Rückständigkeit und Ungerechtigkeit im System. Hier ist zu beobachten, wie eine Illusion zerbröckelt. Immerhin aber vermag er während der letzten Jahre seiner Arbeitsverpflichtung ein Studium der Geschichte abzuschließen.

Auch die späte Rückkehr in die Heimat, erst 1956 – drei Jahre nach Stalins Tod – wird Wolfgang Ruge repatriiert, gerät zur Enttäuschung, das vollkommen demolierte Ostdeutschland enttäuscht den Heimkehrer vollends. Dennoch nimmt er die Offerte an, als Mitglied der Akademie der Wissenschaften tätig zu werden – und betreibt bis zur Wende 1989 Geschichte im Banne des Marxismus-Leninismus. Da grenzt es dann schon an ein Wunder, dass sich in dem langjährigen DDR-Funktionsbürger ein wacher kritischer Geist erhalten zu haben scheint: seit seinem Ableben gibt sein Sohn Eugen Ruge Werke aus dem Nachlass heraus, die zeigen, wie tief die Enttäuschung wohl gedrungen ist.

Als Beschreibung des GULAG ist Wolfgang Ruges Buch wohl noch eines der harmloseren. Interessant ist darin vor allem der Subtext seiner Auseinandersetzung mit der sich aufbauenden Enttäuschung. Spannend wäre wohl eine Fortsetzung dieses Subtexts in den Jahren der DDR.


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Die Beleuchtung aus dem eigenen Werk

Von harbran am 6. Mai 2012

Ludwig van Beethoven, alle Streichquartette – Belcea Quartett: Streichquartett G-Dur op. 18/2, Streichquartett e-moll op. 59/2 und das Streichquartett cis-moll op. 131 schlagen wiederum einen Bogen durch die Entwicklung des Genies Beethoven sowie durch die Entwicklung einer kammermusikalischen Gattung.

Man hat das Gefühl, bei etwas Wesentlichem dabei zu sein; das ist beileibe nicht bei allen Beethoven-Aufführungen so. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Beethoven in sich selbst gespiegelt vollkommen anders wirkt als im Umfeld anderer Komponisten. Der Bezug von Werken aufeinander eröffnet meist Erkenntnismöglichkeiten, Kontraste erzeugen Spiegelungen und Wechselwirkungen, die in den einzelnen Werken so nicht angelegt sind.

Die Entwicklung in Beethovens Quartettschaffen drängt sich in so einer Anordnung natürlich auf als Gegenstand der Analyse. Hier wird hörbar, was Konzertprogramme sonst eher selten unterstützten. Man kennt das alles, und doch schimmert es anders in dieser Beleuchtung aus dem eigenen Werk.

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Neues Licht auf opus 127

Von harbran am 4. Mai 2012

Ludwig van Beethoven, alle Streichquartette – Belcea Quartett: mit dem Streichquartett B-Dur op. 18/6 steht wieder ein frühes, mit dem Streichquartett f-moll op. 95 von 1810 ein mittleres und mit dem Streichquartett Es-Dur op. 127 ein späteres Werk auf dem Programm, wieder wird Entwicklung hörbar.

Insbesondere die lange Entstehungszeit von op. 127 zwischen 1822 und 1825 lässt hören, wie Beethoven an sich und seiner Kunst arbeitet. Manche Brüche werfen Schatten, die sie dem vorangehenden op. 95 als Beleuchtungsquelle verdanken. Kann gut sein, dass ich das bislang so nicht gehört habe. Die Interpretation des Belcea Quartett lässt atemlos zurück.

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Musikalischer Marathon

Von harbran am 2. Mai 2012

Ludwig van Beethoven, alle Streichquartette – Belcea Quartett: Das Londoner Belcea Quartett hat ein dichtes Programm vor. In der ersten Hälfte dieses Mai bringen die vier Musiker alle Streichquartette von Ludwig van Beethoven zur Aufführung, opus 130 sogar zweimal, sowohl in der Version ohne als auch mit Großer Fuge.

Den ersten Abend bilden das Streichquartett D-Dur op. 18/3, das Streichquartett Es-Dur op. 74 – genannt ‘Harfen-Quartett’ – und das Streichquartett B-Dur op. 130, diesmal zunächst ohne die Große Fuge.

Das Experiment ist nicht nur ob seiner marathonartigen Dimension bemerkenswert; das Belcea Quartett scheint sich endgültig in den Olymp der Gattung spielen zu wollen; und es klingt ganz danach, als würde dazu nichts mehr fehlen.

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Irrfahrt epischer Dimension

Von harbran am 29. April 2012

Der Anthropologe Hans Peter Duerr – Autor einer fünfbändigen Tour de Force durch die gesamte Kulturgeschichte namens Der Mythos vom Zivilisationsprozess, in der er sich strikt gegen den Begriff der Zivilisation im Sinne von Norbert Elias stellt – ist sicher kein Wissenschafter, der ausgetretene Pfade bevorzugt. Das zeigen auch seine jüngeren Schlussfolgerungen aus der Untersuchung mittelalterlicher Siedlungen im Wattenmeer, in deren Verlauf Duerr und Mitarbeiter auf vor-antike Artefakte gestoßen sein wollen.

Man scheint ihn in Fachkreise als Nicht-Archäologen kaum ernst zu nehmen; doch wird das vermutlich wenig zu bedeuten haben. Interessant scheint vielmehr, inwieweit seine Argumentation Sinn machen kann: Kreter aus dem sechzehnten Jahrhundert v.u.Z. sollen an die Nordsee gereist sein. Spuren davon hätten sich in den Mythen und vor allem der Argonautensage erhalten.

Abtenteurlich sind die Schlussfolgerungen, die Duerr aus seinen Funden zieht, natürlich schon: Die Fahrt der Argonauten behauptet nichts weniger als die persönliche Anwesenheit bronzezeitlicher Minoer in Nordfriesland. Und das würde immerhin eine Reise durchs gesamte Mittelmeer, rund um die iberische Halbinsel, durch den Ärmelkanal und weiter nach Nordosten bedeuten.

Nun sollte man bestimmt die Reichweite früher Expeditionen keineswegs pauschal unterschätzen. Das ist schon mehrfach schief gegangen. Andererseits stellt sich der Schlussfolgerung aber ein eher statistischer Befund entgegen: bedenkt man die lange Zeitspanne – immerhin dreieinhalb Jahrtausende – und bringt in Anschlag, dass die Damaligen wohl eine Menge an Artefakten streuen mussten, um einzelne davon bis auf unsere Tage kommen zu lassen, dann ist das Ganze entweder die Entdeckung einer Reisetätigkeit umfänglicheren Stils oder ein extremer Zufall.

Unbefriedigend ist aber das ganze Buch: hier ist hauptsächlich die Rede von stein- und bronzezeitlichen Fruchtbarkeitsgöttinnen und -göttern, deren Bezug zur Sonnenreise sowohl des Tag-Nacht-Bogens als auch der Saisonalität irgendwie in die heutige Landkarte eingebettet wird. Jenseits der Straße von Gibraltar beginnt die Unterwelt, geht die Sonne unter, um in einem weiten Bogen nach Norden und Osten während der Nacht ihre Reise zurück an den Punkt ihres täglichen Aufgehens zu verfolgen.

Der Argumentation kann ich insoweit folgen, als die Argonautensage älteres religiöses Gedankengut in eine nachfolgende Epoche transportiert haben mag; die alten Götter sind schlussendlich zu Heroen geworden, ihren Heldentaten liegen kultische Handlungen aus grauer Vorzeit zugrunde, soweit sie den Damaligen noch zugänglich waren.

Der Sprung zu einer Umseglung Spaniens ist dann aber recht willkürlich. Die Phönizier haben es eventuell sogar bis Irland geschafft, und ein paar Wellen haben offensichtlich noch nie Menschen davon abgehalten, weiter ins Unbekannte vorzudringen. Aber das war doch sehr viel später. Die Minoer hätten sich demnach noch viel weiter vor gewagt als lang nach ihnen die Phönizier. Das ist natürlich nicht per se unmöglich, die Argumentation betritt damit aber eindeutig extrem vorgelagertes Neuland.

Unbefriedigend an dem Buch ist, dass es so gut wie nicht zur Sache kommt. Der Kern der Spekulation wird in wenigen Absätzen berührt, eine stringente Argumentation fehlt oder ist in dem Wust an ethnologischem Material aus aller Welt verschütt gegangen. Nicht dass dieses reichliche Material nicht immens interessant wäre… auf den Kern des Buchs bezogen ist vieles davon aber Themenverfehlung, wenngleich es der Darstellungsweise, die Duerr auch schon in seinem Hauptwerk pflegte, durchaus entspricht.

Ich kann damit bei aller Hochachtung vor der Materialfülle wenig anfangen; gemessen am Klappentext begleitet man den Autor auf einer Irrfahrt wahrhaft epischer Dimension. Am Ende ist man durch all das Gesagte um keinen Deut schlauer geworden, hat sich keinen Millimeter auf ein Urteil zu bewegt, ob hinter der Behauptung Duerrs eine wissenschaftliche Sensation oder ein Hirngespinst von Däniken’schen Auswüchsen steht. Schade. Denn blendet man das eigentliche Thema aus, ist’s durchaus interessant.


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Die Entwicklung der Klaviersonate

Von harbran am 28. April 2012

Joseph Haydn ist wohl einer der am stärksten unterschätzten Komponisten, jener Wiener Klassiker, der meist erst gar nicht genannt wird neben dem Trio Mozart Beethoven Schubert… Dabei ist Haydn konstitutiv für den Übergang vom barocken Musizieren zur Klassik, genau am entgegengesetzten Ende zu Schubert, bei dem es schon hinaus in die Romantik geht.

Nicht nur positioniert Hadyn die biografische Nähe zum jüngeren Freund Mozart oder zum kurzzeitigen Schüler Beethoven in diesen Kreis, es sind vor allem seine Werke, die den Grund bereiten, auf dem die Klassik steht, und einige der Höhepunkte bestreiten, wenn das auch nicht dauernd im Vordergrund der Wahrnehmung steht. Mit den Symphonien seiner Sturm und Drang-Zeit steht Haydn als einer der zentralen Entwickler der Gattung in der Geschichte, gleichfalls mit seinen mittleren und späten Streichquartetten.

Dass auch die Gattung Klaviersonate Joseph Haydn eminent wichtige Entwicklungsimpulse verdankt, ist weniger bekannt, aber gerade im Rahmen einer Gesamteinspielung dieser sehr umfangreichen Werkgruppe deutlich zu hören:

Der Wiener Rudolf Buchbinder hat vor etlichen Jahren Sämtliche Klaviersonaten eingespielt und damit eine der raren Gelegenheiten geschaffen, das gesamte Werk in einheitlicher Herangehensweise gespielt zu finden.

Nimmt man die beiden späten Sonaten Nummer 60 und 62, so steht Haydn auf gleicher Höhe mit den Vollendern jener Epoche der Gattung. Blickt man zurück auf die Nummern 31 und 32 oder 34, so wird darin ein atemberaubender Entwicklungsschritt sichtbar, der sich in dieser Klarheit kaum in einem anderen Sonatenwerk finden lässt. Einen starken Innovationsschub für die Gattung bringt auch die Nummer 19 mit ihrem erstmals langsamen Einleitungssatz.

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Mattes Ende eines sonst recht guten Zyklus

Von harbran am 27. April 2012

Mit dem Stadler-Quintett für Klarinette und Streichquartett hat Wolfgang Amadé Mozart 1789 ein Werk geschaffen, das an der klanglichen Oberfläche leicht und harmlos klingt, den Ton der Klarinette ins Süßliche wendet, doch in seinem Aufbau besticht: die Kontrapunktik ist hier so selbstverständlich verwoben, als bräuchte es keine großartige Theorie, als flösse sie aus der Musik selbst.

Das Hagen Quartett mit Gast Jörg Widmann an der Klarinette bringt genau diese spielerische Leichtigkeit zu Gehör, aber so gebügelt, dass es schon wieder fad wird. Vermutlich gehört das aber so.

Nach der Pause kommt das ziemlich genau hundert Jahre jüngere Klarinettenquintett h-moll von Johannes Brahms zur Aufführung – und es ist Brahms in Reinklang, weshalb mich auch nicht wundert, dass es mir nicht zusagt. Damit geht der heurige Hagen-Zyklus recht matt zu Ende. Aber sie kommen ja nächste Saison wieder…

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