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Dankbarkeit als philosophische Kategorie

Im allgemeinen gilt Dankbarkeit nicht als eine Kategorie der Philosophie. Als Menschen, egal ob in Heidegger’scher Seinsgeworfenheit oder – weniger spektakulär – als Subjekte der Erfahrung dieser Welt, sind wir zum Handeln oder Erleiden verurteilt. In der Summe der alltäglichen Situationen außerhalb der großspurigen Philosopheme stecken wir in einem Mischmasch aus beidem: wir sind die Subjekte individuellen Tätigseins oder Unterlassens, aber zugleich die Objekte einer ganzen Plage von Sollensbestimmungen, die uns in alle Richtungen zugleich reißen.
Es hat Denkrichtungen gegeben – und gibt sie in ihren Ausläufern und Verästelungen natürlich bis heute –, die uns als Menschen die Freiheit und Autonomie attestieren, unsere Welt zu gestalten, und das beginnt nicht erst bei Hegel; die aber zugleich beinah immer einen Kanon von Imperativen bereithalten, um diese Freiheit in ungefährlichen Kanälen zu halten. Und es hat, im Gegenteil, immer Denkrichtungen gegeben, die uns diese Freiheit lediglich im Rahmen eines Größeren, Höheren – gleichwie göttlich oder abstrakt – als lediglich abgezirkelt in einem harmlosen Bereich zugestanden haben und noch zugestehen.
Hier soll nicht auf die Religionen eingegangen werden – für solche Dummheiten ist der Tag zu kurz. In einer langen, über Jahrtausende zäh und ausdauernd verfolgten Bewegung sind die Götter ihrer Überflüssigkeit überführt worden, wodurch es uns heutigen möglich ist, sie für abgeschafft zu erachten; in keinem Erklärungsmodell für die Welt, das auf unnütze Komplizierung verzichten kann, findet sich eine Rolle für sie.
Wohl aber führen insbesondere die Geschichtsphilosophien und Anthropologien verschiedener Provenienz höhere Prinzipien ein, vom Fortschritt im Sinne einer laufenden Verbesserung bis hin zu statischer Natur und dynamischer Naturgesetzlichkeit. Schien zunächst Kant ein Machtwort gesprochen zu haben, als er die Aufklärung als

Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit

definierte, so war damit aber keinesfalls bleibend der Mensch in den Status der Autonomie versetzt.
Wie Kant in seiner „kopernikanischen Wende“ zum Ich als Subjekt der Weltsicht den Menschen als Autor und quasi Schöpfer des Weltmodells – nicht der Welt – ins Zentrum setzte, so befreite er ihn von den moralischen Vorgaben übergeordneter Instanzen. Zum Schein jedenfalls.
Erst einmal im Besitz der Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, musste der Mensch sich aber gefallen lassen, sich recht bald in die Verantwortung für alle die Übel in dieser Welt gesetzt zu sehen. Unser Wohlbefinden in unserer Menschenhaut leidet stark darunter, dass wir nicht nur die Freiheit und den Hang zur Fortentwicklung in uns tragen sondern auch – potentiell wie in tausenden Fällen sogar tatsächlich – die Kraft der Vernichtung und Zerstörung. Homo homini lupus est, behaupteten lang vordem schon die Römer.
Konnte man zuvor das Problem, wie denn das Böse in die Welt gekommen, getrost den Theologen überantworten, so schwand mit dem Verschwinden Gottes auch der Kreis der üblichen Verdächtigen: es blieb allein noch der Mensch übrig. Doch der war mit seiner Konzeption zum aufgeklärten bürgerlichen Subjekt eigentlich mehr als zufrieden, warum also die Bürde des Schlechten auf sich nehmen? Man merkt, wie rasch es den Leuten manchmal wieder leid wird um die abgeschafften Götter.
Wenn es also das Selbstbild des Menschen in seiner neugewonnenen Autonomie nicht zulässt, auch den Widerpart zu übernehmen, andererseits die verbliebene Theologie es mit aller verbliebenen Macht garantiert nicht zulässt, aus ihrem guten Gott einen Demiurgen gemacht zu sehen, dann muss ein anderes Alibi her. Die Zeiten, die Umstände, der Entwicklungsstand der Gesellschaft oder weiß der Geier – das Wüten und Beharren abstrakter Widrigkeiten verhindert den Menschen daran, seiner innewohnenden Gutheit nachzukommen und den Weg des Fortschritts zu beschreiten.
Aus derlei Antinomien und Spiegelfechtereien kommt man nur heraus, wenn man die Zielgerichtetheit von Entwicklung, Geschichte und Menschsein insgesamt aufgibt, die Vokabel „gut“ und „böse“ aus dem philosophischen Repertoire streicht. Diese beiden liegen nicht nur als Extrempunkte auf einer Linie sondern bezeichnen als Richtungen einen Vektor, der eindeutig voraussetzt, dass sein eines Ende erstrebenswerter sei als das andere. Was aber außerhalb subjektiver Befindlichkeiten keineswegs zu beweisen ist.
Der Abschaffung moralischer Kategorien zugunsten von Kodices mehrheitsgestützter Verhaltensweisen wäre als Gedanke ja noch zuzustimmen. Schwierig indessen wird es mit den sofort einsetzenden Variantendiskussionen: sollte nämlich das Zustandekommen gesellschaftlicher Leitbilder und Tabuzonen in die Hände von böswilligen Kerlen fallen, wären per Mehrheitsentscheid sogar Pogrome und ethnic cleansing als „gut“ zu kategorisieren, jedenfalls im Rahmen der beteiligten Mehrheit.
Dem ist schwer zu widersprechen. Auf jeden Fall ist es kein zulässiger Widerspruch, dass dem halt einfach so nicht sein dürfe.
Können wir aber umgekehrt aus der Tatsache, dass sich die rohe Gewalt – denn etwas anderes hat weder gegen den Nationalsozialismus noch gegen Groß-Serbien wirklich geholfen – auf Seiten des aus unserer Sicht Positiven durchgesetzt hat, auf ein Prinzip schließen, das sich in der Geschichte seine Bahn bricht? Auch auf die Gefahr hin, dass damit gleichberechtigten dunklen Parallelwelten die Tore geöffnet werden, in denen die Nazis an der Macht geblieben und gar zu Herren der Welt geworden sind: wir sollten allein deswegen schon von diesem Prinzip nicht ausgehen, weil es die Erklärung der Welt nicht stringenter sondern komplizierter macht – ein untrügliches Zeichen für überflüssigen philosophischen Ballast.
Wir müssen diesen Teil der Geschichte differenzierter betrachten: es wurden die Nazis zum überwiegenden Teil an der Herrschaft über weiteste Landstriche dieser Erde gehindert ausgerechnet von den Kommunisten, besser: Stalinisten, die nun auch nicht gerade als Werkzeuge eines positiven Prinzips missdeutet werden können. Die Welt ist schwärzer, als uns das lieb sein mag. Heute bewegen sich die Amerikaner, die anno 45 noch die weißeste Weste hatten, in ihrer Außenpolitik auf eine Weltsicht zu, die mit den von ihnen selbst gepriesenen Prinzipien Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit herzlich wenig zu tun hat. The times they keep a’changing.
Umgekehrt wollen wir partout nicht eingestehen, dass die vielen – aus unserer Sicht verblendeten und fanatisierten – Anhänger neuerdings wiedererstarkender Religionen, von den harmlos erscheinenden Evangelikalen und ihrem Antidarwinismus bis zu den fundamentalistischen Muslimen, vielleicht eines Tages, wenn sie nur eine Weile weiter schneller wachsen als wir, plötzlich das Recht auf ihrer Seite hätten, sich als die „Guten“ anzusehen. Nicht dass sie das intern nicht sowieso täten – dieses Recht der Verblendung steht ihnen genauso zu wie uns; aber dass wir kraft unserer demokratischen Verfassung gezwungen wären, nach ihren Regeln zu spielen! In der Türkei bahnt sich so ein Wechsel an, aber auch Hitler ist zuerst einmal von einer Mehrheit gewählt worden – die involvierten politischen Ränkespiele ändern an dieser fundamentalen Tatsache in beiden Fällen herzlich wenig.
Aber wir? Zunächst einmal können wir froh sein – unserer eigenen Doktrin des Erstrebenswerten zufolge –, dass wir hier und jetzt in einer Demokratie in einer Wohlstandsgesellschaft leben. Man sollte sich aber hüten zu sagen: leben dürfen.
Faktizität ist etwas anderes als ein Gnadenakt. Uns hat eine Reihe von Zufällen an diesen Ort in diese Zeit geführt, die man nicht mit einem Masterplan verwechseln sollte. So viel liegt wohl niemandem, nicht mal Gott, an uns.
Und dennoch verspüren wir vor den Alternativen, etwa: im Sahel, in Myanmar oder in Leipzig geboren und sesshaft zu sein, eine gewisse fast religiöse Verpflichtung zur Dankbarkeit. Wir können sagen: Glück gehabt – aber denken dennoch in Wahrheit unser stilles Gott-sei-Dank
Um das Feld der Dankbarkeit, die sich hier unleugbar aufdrängt, nicht denen zu überlassen, die immer schon im Trüben fischen, müssen wir sie wohl auch philosophisch zulassen und ihr ein Ziel geben, das nicht durch die Hintertür wieder ein teleologisches Prinzip einführt: wir müssen diejenigen Menschen benennen, denen wir diese unsere zur Dankbarkeit anregende Situation verdanken. Deswegen braucht in dieser Ahnengalerie sich keine Zwangsläufigkeit zu verkörpern – wir wählen einfach aus unserer Perspektive rückwärtsgewandt aus, was uns frommt.
Gehen wir dabei unsystematisch und assoziativ vor – ohne darein Gewichtung, Reihenfolge oder Relevanzbehauptungen zu legen:

  • Dank sei Xenophanes für die frühe Erkenntnis, dass, machten die Rinder und Pferde sich Bilder von ihren Göttern, diese wie Rinder und Pferde aussehen würden;
  • Dank sei – am anderen Ende einer langen Historie – Ludwig Wittgenstein für die präzise und allseits zu beherzigende Aussage, dass, worüber man nicht reden könne, man schweigen solle;
  • Dank sei meinem Großvater und Vater dafür, dass schon sie praktizierende Atheisten waren und ich mich daher zu keiner Zeit mit Ablösungsproblemen herumschlagen musste;
  • Dank sei den revolutionären Sansculotten dafür, dass sie Louis XVI und Marie Antoinette gouillotiniert haben, aber nicht weil etwas gegen ihn oder sie (schon eher) einzuwenden gewesen wäre, sondern weil sie damit handgreiflich der Erkenntnis zum Durchbruch verholfen haben, dass man auch gottgewollte Oberhäupter um einen ebensolchen kürzer machen kann;
  • Dank sei den unbekannten amerikanischen GIs und den Staatsoberhäuptern und Außenministern Englands und der USA dafür, dass sie Mitteleuropa rechtzeitig erobert und meine Heimat dem Einflussbereich Stalins entzogen haben, was mir doch zu einer Reihe von unbeschwerten Jahren in Freiheit verholfen und mir eine Menge an Dummheiten erlaubt hat, für die mich jenseits des eisernen Vorhangs gewiss jemand zur Verantwortung gezogen hätte;
  • Dank sei Herrn Gorbatschow für die Auflösung der KPdSU, wenn das auch den Russen und anderen Völkern der ehemaligen Sowjetunion wenig gebracht haben sollte, dafür, dass er einen real existierenden Übergriff der Philosophie auf die Politik beendet hat;
  • Dank sei Dmitri Shostakovich für die überlegene Cleverness, unter Einsatz seines Lebens seine herausragende Musik an tauben und tumben und dabei mordsgefährlichen Bonzen und Kulturbürokraten vorbei geschleust zu haben, ohne dass sie es merkten;
  • Dank sei den zahllosen katholischen Priestern und den sie schützenden Bischöfen, weniger für die Schändung unserer Kinder, die eine Sauerei sonder gleichen ist – jedenfalls innerhalb des Wertekanons unserer Gesellschaft –, aber doch für die konsequente, weltumspannende Aushöhlung einer Institution, die sich allerlängst schon hätte selbst abschaffen sollen;
  • Dank sei ferner Frank Zappa und den Mothers of Invention, die schon vor meiner Zeit bewiesen haben, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als gute Musik durch die Musikindustrie geht;
  • Dank sei auch…

Aber hier möge ein jeder selbst fortsetzen. Wir stehen, wie die Zirkus-Chinesen in der Menschenpyramide, einer auf den Schultern des andern; für unsere Freiheit und Autonomie hat nicht bloß Kant die Worte gefunden, für sie haben unzählige andere ihre Beiträge geleistet. Wir haben zwar keinen Weg der Geschichte zum Besseren hinter uns, aber immerhin stehen wir an einem Punkt, der es rechtfertigt, all denen dankbar zu sein.

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