Der Naturbursch als Wonneproppen

Über die vollendete Hirnrissigkeit Wagner’schen Textens ist (nicht nur hier) schon einiges geschrieben worden. Dem soll wenig hinzugefügt werden. Denn natürlich ist es wenig wonnig, wenn alles und jedes ständig und dauernd wonnig zu sein hat. Zumal das Attribut zu einem berserkerhaften Naturgesellen wie dem Siegfried aber schon einmal überhaupt nicht passt. Nun, lassen wir den Dichter Wagner außen vor – er ist eine Beleidigung für seine Zunft.

Als Musiker aber war der alte Sachse durchaus ein Genie. Sein Fehler liegt in der grandiosen Selbstüberschätzung, gleich auch noch die Libretti und die Inszenierungen selber machen zu wollen – bis hin zur Architektur des Hauses am Hügel. Das mag für begnadet halten, wer will; seine dämlichen Texte werden gesungen werden, weil sie in wunderbare Musik gesetzt sind.
Und Inszenierungen gibt es ja doch auch abseits dessen, was die Traditionalisten gelten lassen möchten.

Sven-Eric Bechtolf hat sich – wie schon bei der Walküre –  mit wenig Ruhm bekleckert, sondern eine ganz und gar handwerklich solide, aber keinesfalls irgendwie bemerkenswerte Inszenierung abgegeben. Das verschreckt keine Traditionalisten, holt aber auch sonst keinen hinterm Ofen hervor. Eine Deutung eben, die nichts deutet, eine Umsetzung, die in den hektischen Repertoirebetrieb des staubigen Hauses am Ring ganz gut passt und auch so nebenher zu bewältigen ist.

Der kommende musikalische Direktor Franz Welser-Möst dagegen nimmt sich des Musikers Wagner mit gebührender Ernsthaftigkeit an. Und dazu gehört es auch, den Siegfried – als Oper – den noch am ehesten komödienhaften Abend im Zyklus sein zu lassen. Er hat den Bierernst außen vor gelassen, die Partitur ins Zentrum gerückt und seine Musiker durchaus im Zaum gehalten – es gibt nichts Schlimmeres, als wenn sie vor Freude loströten, wo es des Gemachs und der Beschaulichkeit bedarf.

Gesungen hat vor allem Stephen Gould; sein Siegfried chargierte zwischen jugendlichem Übermut, wie es die Role vorsieht, und dem heldenhaften Glanz, wie es der Sänger meistens lieber hat. Und das schien doch recht passend gelungen.

Der bei Walküre stimmlich verunglückte  Juha Uusitalo sang den Wanderer in einer Art und Weise, die seine Auswahl endlich auch rechtfertigte.

Bedeutender aber Herwig Pecoraro als Mime. Keine leichte Partie, noch dazu, wo ihm Bechtolf einiges an Komödienspiel aufgetragen hat. Doch das macht eben, wenn in den endlosen Szenen in der Schmiede mal der eine (Mime), mal der andere (Siegfried) seine Tiraden singt, durchaus dramaturgischen Sinn: die Leut brauchen ja was zu tun, während sie grad nicht singen und trotzdem auf der Bühne stehen.

Diese ganze Misere ist erneut ein Hinweis darauf, dass Wagner die Realität des Theaters kaum durchschaute – oder bewußt mißachtete, wie die Wohlmeinenden sagen. So sind es qualvoll lange Momologe, welche die Sänger zu bewältigen und die Zuseher durch zustehen haben – für die Hörer ist es ja ungleich leichter: die können sich an die Musik halten.

Ein Wenig Hokuspokus macht Bechtolf am Ende doch noch, wenn er etwa Fafner verwundet aus dem Boden emporsteigen läßt oder der Wanderer Erda zuerst ausbuddeln muss, bevor sie ihm ihre Weissagungen kundtun kann. Soll alles sein. Einzig die Verwendung der so beliebten, aber kaum je geeigneten Gattung Video macht aus der – (auch mangels Riesen) zweifelsohne schwer umsetzbaren – Kampfesszene Siegfrieds mit Fafner eine Art von Youtube-Filmchen.

Von der derzeit wohl populärsten Wagnerinterpretin Nina Stemme erwartete man sich im Vorfeld viel – und mit der Brünhilde gelang ihr auch, diese Erwartungen zu erfüllen. In der Szene, in der Siegfried sich ihr nähert – und wieder hat eine Figur ziemlich lange nichts zu tun -, gelingt Bechtolf einer der wenigen Einfälle, die auch dramaturgisch Sinn machen: Siegfried wickelt die in zahllose Schichten und Schleier verpuppte Brünhilde mählich aus.

Ferner sangen: Ain Anger den Fafner,  Anna Larsson die Erda, Tomasz Konieczny den Alberich und Ileana Tonca die Stimme des Waldvogels.

Das Duo Rolf und Marianne Glittenberg hat mit Bühne und Kostümen ins epochen- und bedeutungslos Blaue gegriffen. Stört nicht, kann aber auch nichts.

Ein netter Wagnerabend. Die Begeisterung war recht gross, aber wohl auch nur dadurch gerechtfertigt, dass man sich schon auf die Ära Welser-Möst freuen zu können glauben darf.

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