Am Ende doch nur ein Puccini

Es gibt offenbar zwei Giaccomo Puccini: den mit der großen dramatischen Geste und den klingenden Arien, der sich in Dauerbrennern wie Bohéme, Tosca und Butterfly äußert, und einen Sucher neuer musikalischer Formen und Werkkonzepte, der sich im regulären Opernbetrieb so recht gar nicht durchzusetzen vermochte.

Ein beredtes Beispiel dieser Diskrepanz ist sein aus drei inhaltlich nicht verbundenen Einzelwerken dennoch durch und durch geplanter und komponierter Abend Il Trittico – von dem es die Theaterdirektoren und Dirigenten dieser Welt offenbar vorziehen, ausschließlich den letzten aufzuführen. Aber der Reihe nach…

In Il Tabarro steht ein verstorbenes Kind zwischen seinen vormaligen Eltern, die Beziehung ist längst gekippt, auch wenn der Mann das nicht wahrhaben will. Als er aber dahinter kommt, dass sein Weib ihn hintergeht, erschlägt er den Nebenbuhler… Roberto Frontali singt den Betrogenen Michele in eindringlicher Dunkelheit, seine etwas flatterhafte Gemahlin Giorgetta wird von der Französin Pataricia Racette meisterhaft interpretiert. Hier gibt es an der Inszenierung rein gar nichts auszusetzen, die Story wird stringent erzählt, man hat das gute Gefühl, einen herrlichen Puccini entdeckt zu haben.

Der zweite Teil ist wohl der Schwachpunkt des Unterfangens: Suor Angelica stellt eine unfreiwillige Nonne auf die Bühne, die von ihrer guten Familie wegen eines unverzeihlichen Fehltritts in Gestalt eines unehelichen Kindes hinter Klostermauern verbannt wurde – und dennoch hat man ihr offenbar in den fünf Jahren im Gotteskittchen den inbrünstigen Glauben beigebracht. Ergo zerbricht sie an der Diskrepanz, als eine eher böswillige Tante ihr die Nachricht bringt, das geliebte nie gekannte Kind sei längst verstorben… In dieser ausgemachten Schmonzette schöpft Puccini skrupellos aus dem Altbewährten, wirklich gut wird es nur zum Schluss, aber das dürfte gar nicht in der Absicht der Komponisten gelegen haben: dass die Nonnen im Hintergrund inbrünstig kindisches Gotteslob singen während vorne sich die eine selbst zerfleischt, hat etwas ganz und gar Karikaturenhaftes.

In der Schwester Angelika läuft wiederum Patricia Racette zu puccinimäßiger Höchstform auf, allerdings wirkt alles irgendwie uninspiriert. Ihr zur Seite am bemerkenswertesten Stella Grigorian und Ekaterina Sadovnikova.

Der dritte und weitaus populärste Teil ist das Lustspiel Gianni Schicchi, häufig gespielt ob seiner fast operettenhaften Anlage. Am Totenbett des reichen Buoso Donati müssen die Verwandten feststellen, dass er alles dem Kloster vermacht hat. In ihrer Verzweiflung verfallen sie auf die Idee, den gewitzten Gianni Schicchi zu Hilfe zu rufen – der auch prompt die Idee hat, in der Rolle des Verstorbenen ein neues Testament im Sinne der Verwandtschaft zu diktieren – nicht ohne sich selbst mit ein paar Schmuckstücken aus dem Erbe zu bedenken.

Die Inszenierung sinkt an diesem Punkt leider auf plakatives Lustspielniveau, und das volksopernhafte Getue steht bisweilen dem Singen entgegen, so beschäftigt sind alle mit der Impersonation der ihnen zugewiesenen Karikaturen. Herausragend einmal mehr Ekaterina Sadovnikova als Lauretta, Tochter des Schicchi und ihr Liebhaber Rinuccio, mit gebotener Ernsthaftigkeit gesungen von Paolo Fanale. Ansonsten tut es eigentlich weh.

Der junge Israeli Rani Calderon ist recht kurzfristig für den erkrankten Kirill Petrenko eingesprungen – und hat seine Sache am Pult des RSO Wien gut gemacht. Da, wo der Komponist ihn hingestellt hat, glänzt natürlich auch der Arnold Schönberg Chor, der heuer sein 40-jähriges Bestehen feiert.

Wie Ausstatter Paolo Fantin einen Lagerplatz von Frachtcontainern sukzessive zuerst in einen Klosterhof und dann in die Gemächer des reichen Mannes verwandeln, ist aber bemerkenswert und bestens gelungen. Die Inszenierung von Damiano Michieletto bewegt sich dazwischen passabel, aber in den teilen zwei und drei neigt sie zu grauenhafter Überzeichnung.

Es ist vermutlich ein gelungener Abend geworden, aber was hat man davon, wenn man gerade mit einem Puccini, der glänzt, am allerwenigsten anzufangen weiß? Am Ende ist doch nur ein Puccini geworden.

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