Die Mühsamkeit des Wohlgetöns

Was ursprünglich aus einer Symphonie entsprang, glänzt in erster Linie im Orchestergraben: dafür sorgt Bertrand de Billy mit den Wiener Symphonikern – und so kann man wenigstens über die musikalische Aufführungsqualität der Oper Mathis der Maler von Paul Hindemith ganz und gar nicht meckern.

In der Werkgeschichte des Komponisten aber offenbart sich rasch, dass seine späten Werke nach der Abkehr vom Expressionismus mit neoklassizistischer Rückorientierung kämpfen. Ganz will das nicht ins immerhin schon in seiner vierten Dekade stehende Zwanzigste Jahrhundert passen… Und so weist die Oper gewordene Symphonie denn auch scheußliche Längen auf, besonders in den letzten beiden Bildern, wo Hindemith kein Ende finden will, aber eigentlich längst alles gesagt ist, sogar zur Stellung des Künstlers in der realen Welt, die als roter Faden das Werk eigentlich tragen solle – allein, der Komponist und Textautor verrennt sich da offenbar in Parallelen zu seinen eigenen Schwierigkeiten mit den Nazis, denen er sich und seine Kunst nicht anzubiedern gedenkt.

Dabei ist Mitte der Dreißiger Jahre seine gute Zeit längst vorbei, er hat sich zum Epigonen einer in der Romantik gebrochenen Klassik zurück entwickelt, die atemberaubende expressive Kraft des jungen Hindemith ist der Mühsamkeit des Wohlgetöns gewichen – aber immer noch nicht genug, um die sehr tief angesetzten Maßstäbe des nationalsozialistischen Musikgeschmacks zu treffen.

Ja, das Werk hat dichte Stellen, insbesondere zwischen dem zweiten und vierten Bild kommt einigermaßen Zug- und Spannkraft ins Geschehen. In der konkreten musikalischen Ausgestaltung hängt das aber stark an den handelnden Persönlichkeiten:

Man hat sich zu Recht auf den Auftritt von Wolfgang Koch in der Titelrolle des Matthias Grunewald gefreut – und diese Vorfreude wird keineswegs enttäuscht. Anders dagegen bei Kurt Streit, dessen Kurfürst Albrecht von Brandenburg unter hörbaren Schwierigkeiten in den Höhen leidet, bisweilen quietscht er geradezu.

Gut aber wiederum Franz Grundheber als Reidinger und vor allem Raymond Very als Bauernführer Schwalb. Hervorzuheben sind auch die beiden Mitglieder des Jungen Ensemble Ben Connor und Andrew Owens, die in zwar kleinen Rollen runde Leistungen hervorbringen.

Unter den wenigen Damen strahlt die Ursula von Hausdebütantin Manuela Uhl hervor, aber auch die russische Sopranistin Katerina Tretyakova vermag Regina, der Tochter des Bauernführers, zartes Leben einzuhauchen.

Ganz besonders solide und gut eingewiesen in die vielfältigen Massenszenen erweist sich auch der Slowakische Philharmonische Chor, dem trotz vieler Fußarbeit auch die gesanglichen Höhepunkte flüssig gelingen.

Die gesamte Inszenierung ringt aber mit Banalität und der Durchschaubarkeit des Naheliegenden. Und leider überlässt Regisseur Keith Warner die Psychologie ganz dem Komponisten, was die Längen dann nur noch länger macht.

Leben muss das Ganze von der überdimensionalen Skulptur des Gekreuzigten, die Bühnenbildner Johan Engels direkt dem Isenheimer Altar des Matthias Grunewald entliehen hat: sie ist nicht nur der Eye-Catcher sondern leider auch eine Art Visual Vampyre; sie in der zunächst mehr verschleiernden Beleuchtung zu erfassen, beschäftigt einen das erste Bild über, sodass die Schwächen der Komposition da noch gar nicht allzu sehr auffallen. Dann aber ist irgendwann die Luft raus, das mächtige Ding ist da, na und?

In dem Moment, in dem es von Geisterhand bewegt in Teile auseinander fährt, fährt dem Zuseher auch die Metaphorik davon. Es ist nicht nachzuvollziehen, was damit gewollt oder gesollt wird.

Im Vergleich zum Cardillac, den die Staatsoper unlängst brachte, ist Matthis der Maler ein durchwegs banales Werk. Dass der Komponist sich in seiner Zeit mit der Position des Künstlers in einer aus den Fugen geratenen Welt herumzuschlagen hatte, macht manches vielleicht verstehbar, aber deswegen nicht interessanter.

Hier hat wiederum das Schielen auf eine möglichst breite Publikumsverträglichkeit das Aufgreifen eines ernsthaft bedeutenden Werks der klassischen Moderne verhindert. So eben der späte Hindemith. Was kann man machen?

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