Kühne Klangvisionen im Börsensaal
Von harbran am 21. April 2010
Dass die Revolution von 1917 nicht nur Geldsäcke und Aristokraten aus Russland vertrieb, sondern auch Künstler, Schriftsteller und Musiker, ist nichts Neues. Dass man in den Künsten in den Zwanziger Jahren gerade in Moskau und St. Petersburg kompromisslos modern zu Werke ging, auch nicht. Die wahre Moderne aber, die dem gesamten Jahrhundert ihren Stempel aufdrücken sollte, spielte sich in jenen Jahren in Wien und in Paris ab – stiller dafür grundsätzlicher in Wien, schriller und explosiver in Paris.
MIt seinem Weggang aus Russland besiegelte Sergej Prokofiew das Ende seiner russischen Phase – und der Sog der Pariser Avantgarde, in der auch nach dem Weltkrieg viele Russen wie Stravinskij oder Diaghilew am Werke waren, zog auch ihn an. In diese Zeit fallen auch seine – neben Der Spieler nach Dostojewski – bekannteren Bühnenwerke Die Liebe zu den drei Orangen und Engel aus Feuer.
Das Wiener Odeon, sonst eher Heimstatt der skurrilen Tanz-Performances des Serapions-Theaters, bietet ein weiteres Mal dem Regisseur Philipp Harnoncourt Raum für eine Produktion – nach Marin Marai’s Alcione vor zwei Jahren ist es nun eine klassische moderne Oper geworden: eben der Engel aus Feuer…
Prokofiew hat eine stark rhythmisierte, jedoch von flimmernden und irisierenden, ja lyrischen Momenten durchsetzte Partitur geschaffen, die den Hörer wie in einem Strudel tiefer und tiefer hinein zieht in die reichlich abstruse Welt der Renata: sie scheint verrückt, dann wieder besessen, zwischendurch fast wie die einzig Normale, und dennoch hat sie den Teufel in sich. Ob sie sich ihren verlorenen Liebhaber – der in ihren Erzählungen vieles von einem Engelwesen hat – nur einbildet, bleibt ungeklärt. Ritter Ruprecht, der sie zunächst aus Instinkt beschützen will, verfällt ihr und geht mit ihr auf die Suche nach dem Verlorenen, die sich als Verstrickung in die Fänge und Absurditäten der Magie gestaltet. Bis der Ritter sich für sie duelliert und schwer verletzt wird, wonach schlussendlich Renata ins Kloster geht, allein um dort von der Inquisition angeklagt und verbrannt zu werden.
Eine skurrile Geschichte, die aber Prokofiew eine ideale Folie für seinen musikalischen Kosmos geboten zu haben scheint. Mario Formenti leitet das Ensemble Phace – Contemporary Music sicher durch die reichhaltige Landschaft, leider verhindert der ehemalige Börsensaal – und die Aufstellung des Orchesters in einer Ecke desselben – eine Hör- und Verstehbarkeit der diffizilen Klanggebilde und reduziert den Hörer auf den starken rhythmischen Taumel und die en face agierenden Sänger. Insgesamt aber lebt der Abend von dieser Musik – dank einer gelungenen Reduktion der Orchestrierung auf Kammerensemble durch den österreichischen Komponisten Wolfgang Suppan.
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Tags: Odeon, Prokofjew
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Der mittlere Beethoven
Von harbran am 20. April 2010
Neben dem alten geht der mittlere bisweilen unter: so war mir die stupende Kombination aus vorausweisender Moderne und schalkischem Witz im Harfen Quartett von Ludwig van Beethoven nicht wirklich bewusst. Man hört bisweilen die frühen Rasumowsky-Quartette und vor allem die späten, aus denen der Titan der Klassik zu uns spricht, jener Beethoven, dem es spielend gelang, die ganze Romantik zu überbrücken und in die Moderne zu weisen.
Das Artemis Quartett bringt ein Programm ausschließlich Beethoven’scher Provenienz mit: die Sonate E-Dur in einer Fassung für Streichquartett, das ‘Harfen Quartett’ Es-Dur op. 74 von 1809 und das Streichquartett cis-moll op.131.
Die vier in Berlin ansässigen Musiker wissen vom ersten Moment an jene äußerste Spannung zu erzeugen, die diese Werke kennzeichnet – und doch das bisweilen heitere Element speziell in op. 74 mit spielerische Leichtigkeit zu integrieren. Leider gibt es von dieser Interpretation noch keine Einspielung zum Wiederhören.
Anders bei op. 131:

die Doppel-CD mit den Streichquartetten op. 131,132 und 18/2 beinhaltet diese kongeniale Interpretation.
Das Artemis Quartett gehört zweifellos zu den kompetentesten Interpreter der Beethoven-Quartette – wenn auch nicht zu denen, wo es Überaschungen zu hören gibt. Ihr Tonfall ist mir auf jeden Fall lieber als der des Hagen Quartetts, da kann man nichts machen.
Links: Hompage Artemis Quartett, Wikipedia-Eintrag.
Tags: Beethoven, Streichquartett
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Die praktische Antwort eines Sowjetkünstlers auf gerechte Kritik
Von harbran am 18. April 2010
Nachdem Dmitri Shostakovich seine Vierte Symphonie aufgrund heftiger Kritik in der Pravda zurückziehen musste, machte er sich im April 1937 unter diesem Motto an die Arbeit an seiner Fünften: durchaus gemäßigt, dem recht undurchschaubaren Ideal sowjetischer Kunst folgend – und dabei erkennbar im Versuch, die eigene Künstlerpersönlichkeit hinter dieser Fassade am leben zu erhalten. Shostakovich war zu gut und eigenständig, um platte Sowjetkunst nach Stalins Forderungen herzustellen. Dennoch aber fehlt dieser Fünften der Biss.
Valery Gergiev hat sich mit dem Orchester des Mariinski Theaters St. Petersburg die Aufgabe gestellt, in einem zeitlich gedrängten Zyklus sämtliche Symphonien Shostakovichs aufzuführen – und macht nun damit auch in Wien Station. Hat ein solches Vorhaben schon für die Künstler geradezu Marathon-Dimensionen, so ist es dem Hörer schlichtweg unmöglich, diesen gesamten Zyklus innerhalb weniger Tage komplett zu besuchen. Das überfordert in erster Linie einmal den Kalender.
Zunächst wollte ich es bedauern, dass das Schicksal mir im Abonnement just die sowjetischen Symphonien 5 und 6 zugelost hat. Doch in Anhören bewahrheitet sich, dass der Komponist eben nicht über seinen Schatten springen und den simpel gestrickten Anforderungen des Parteidiktats genüge tun konnte: er ist hörbar der epochale Künstler geblieben, moduliert geschickt – wie es andere angepasste Komponisten seiner Zeit gar nicht erst fertig brachten – und liefert zwei Werke, die auch für sich allein stehend Bestand beanspruchen könnten.
Die Interpretation von Gergiev ist stringent, gewissermassen wie von intimer Kenntnis zwischen Russe und Russe geprägt. Die St. Petersburger musizieren die überwiegend lyrischen und grossteils unspektatkulär und damit eher piano gehaltenen Passagen wie mit verhaltenem Bedauern, was da hätte notiert sein können, wäre nicht Shostakovich künstlerisches Oper jenes stupiden Stalinismus geworden.
Links: Wikipedia-Artikel Shostakovich.
Tags: Shostakovich
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Keiner von den Jüngern…
Von harbran am 18. April 2010
… und weiter kommt er nicht, der Mann im Radio mit der tiefen Ehrfurcht heischenden Stimme, denn sie allein bezeichnet schon, was hier das Problem ist: es ist Sonntag und daher aus lang geübter Tradition das Programm auf Ö1, meinem Lieblingskultursender, schlicht und ergreifend unbrauchbar. Man scheint dort echt noch zu glauben, dass pre-senile Bettflucht, wie sie offenbar auch mich betrifft, der ich auch sonntags um spätestens sieben Uhr auf bin, nur bei besonders dämlichen Alten vorkommt, die ein Wenig des Trosts bedürfen. Nein, es gibt auch jüngere, die aber mit den Jüngern im christlichen Sinn nichts am Hut haben.
Ich will jetzt gar nicht so weit ausholen, dass die Kirche eine moralisch so heftig angeschlagene Institution ist, dass sie keinen Wert mehr für den Sonntag hat – das glauben einem die, die noch glauben, ja doch nicht. Es ist einfach Gesülze, unerträgliches, den Zuhörer für vollends gehirnamputiert haltendes Geleier, das jeder Vernunft und erst gar jedem logischen Denken Hohn spricht.
Zum Glück gibt es Bayern 4, meinen Lieblingskultursender, wenn Ö1 sich daneben benimmt, was immer häufiger der Fall ist. Gerade eine der Stärken von Ö1, der hohe Wortanteil, wie man fachsprachlich sagt, birgt natürlich den Nachteil, dass beim Worte Unsinn schneller nervt. Die Alternative auf Bayern 4 ist ja auch nicht grade gottlos: Johann Joseph Fux‘ens Te Deum oder die Hofkapellmeistermesse von Antonio Salieri in einer Sendung namens Laudate Dominum…
Gerade Fux’ens Te Deum in der Aufnahme mit Mieke van der Sluis und dem Ensemble Armonico Tributo Austria unter Lorenz Duftschmid ist eine echte Rarität.
Man kann auch als Agnostiker nicht umhin, anzuerkennen, dass es in der reichhaltigen geistlichen Literatur so viele herausragende Kompositionen gibt – vom Mittelalter bis zur Gegenwart, dass dieses Leben nicht ausreichen wird, sie alle zu geniessen. Genauso wie der Dom zu Florenz vor allem abseits seiner Nutzungsbestimmung ein atemberaubendes Werk der Baugeschichte ist.
Das Dumme für Ö1 ist nur: es besteht dann den ganzen langen Sonntag kein wirklicher Grund mehr, Bayern 4 den Rücken zu kehren.
Tags: Fux
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Positive Vibes
Von harbran am 13. April 2010
Das Wiener Jeunesse Orchester – Nachwuchsschmiede für Orchestermusiker – spielt unter dem Kolumbinaer Andrés Orozco-Estrada ein lebendiges, erfrischend rhythmisches Programm.
Einleitend erklingt die selten gespielte Ouverture über hebräische Themen von Sergei Prokofiew, ein feines Gewebe von Anklängen jüdischer Folklore und kräftig russischer Intonation.
Danach ist das Klavierkonzert Piccolo mondo antico von Nino Rota eher enttäuschend, in seinen besten Momenten evoziert Solist Christopher Hinterhuber Bilder von Fellini. So wie Korngold fast immer nach Filmmusik klingt – schliesslich hat er diese Art von filmmusik geprägt -, klingt Nino Rota immer nach Fellini.
Nach der Pause wird dann Bela Bartók mit viel Schwung, wenn auch nicht immer sehr präzise, gespielt: die Konzertsuite aus der Pantomime Der wunderbare Mandarin verleitet zum Dreinhauen – und die jungen Herrschaften widerstehen in der Hitze des Gefechts der Verlockung nicht immer.
Den Abschluss bildet die fulminante Ballettsuite Estancia des Argentiniers Alberto Ginastera: das Eintauchen in die lateinamerikanische Rhythmik macht regelrecht Spass. Ein gelöster Abend, viel positive vibes.
Tags: Bartók, Ginastera, Prokofjew, Rota
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Die Mutter aller Groupies
Von harbran am 4. April 2010
Sie war sozusagen die Großmeisterin der zelebrierten Witwenschaft, das einstmals hübsche – aber dünkelhafte und im Grunde strohdumme – Mädchen Alma Schindler, die nacheinander Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel ehelichte und sich so gewissermassen zur Witwe des Zwanzigsten Jahrhunderts aufschwang. Zumindest schien sie das selber so empfunden zu haben, obwohl sie sich in ihren Äußerungen wie Aufzeichnungen rabiat antisemitisch gebärdete und ihre Männer, abseits von deren Einkommen, das ihr natürlich höchst willkommen war, gering schätzte: Mahler und Werfel als kulturlose Juden, Gropius als erfolglosen Modernisten.
Der deutsche Historiker und Psychologe Oliver Hilmes zeichnet in seiner gar nicht wohlmeinenden Biografie Witwe im Wahn: Das Leben der Alma Mahler-Werfel das erschütternde reale Bild einer selbststilisierten Heroine der Moderne.
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Tags: Mahler
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Petersen, Larmore, Keenlyside – aber was für ein Stück?
Von harbran am 27. März 2010
Die französische Oper des 19. Jahrhunderts hat ja eine beachtliche Tradition der Literaturverhunzung auszuweisen: Faust und Werther sind dabei nur die heute noch auf den Spielplänen zu findenden Werke.
Gemeinsames Kennzeichen all dieser auf literarischen Vorlagen basierenden Libretti ist eine an die Grenzen der Unkenntlichkeit stoßende Verstümmelung der Stoffe. Nun mag es ja noch angehen, dass das Wort eines Dramatikers oder Autors von Format – nehmen wir den alten Goethe mal als einen solchen – nicht in ein Gesangslibretto passt, zumindest nicht nach dem Verständnis der Oper in vergangenen Jahrhunderten.
Die MET hat nun nach mehr als 100 Jahren eine weitere dieser Literaturvergewaltigungen neu ausgegraben – den Hamlet von Ambroise Thomas hatte sie zuletzt 1897 im Repertoire. Im Grunde war dieser Schlummer, wie die heutige LIVE in HD-Übertragung zeigt, nicht ganz unberechtigt. Dass man mit der Exhumierung der Schmonzette an der Wiener Staatsoper schon Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts begonnen hat, ich auch eher kein Ruhmesblatt.
Oper ist Oper und kein Drama – also lassen wir die Diskussion des Librettos beiseite; es hat mit dem Hamlet von William Shakespeare wenig mehr gemein als ein paar Personen und die sattsam bekannten Worte des großen Monologs to be or not to be – nur diese eine Zeile, danach kommen wieder die begnadeten Schnulzentexter Michel Carré und Jules Barbier zu Wort. Es ist ein Graus. Doch aber gut…
Die Londoner Pall Mall Gazette schrieb dazu schon 1890:
No one but a barbarian or a Frenchman would have dared to make such a lamentable burlesque of so tragic a theme as Hamlet.
Tags: MET, Thomas
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Im tiefsten Bann des Ewig Weiblichen
Von harbran am 25. März 2010
Mahler 8 – was will man mehr?
Das monströse Werk mit seinen drei Chören, riesenhaft besetztem Orchester, Orgel und 8 Gesangssolisten – deswegen in vom Komponisten bemängelter Zirkusmanier auch Symphonie der Tausend genannt – sprengt spielend jeden Rahmen, auch den des Raumangebots im Konzerthaussaal. Hier braucht es sichtlich einen genauen Auf- und Abmarschplan, damit die Mitwirkenden einander nicht im Wege stehen.
Als da sind:
- Ricarda Merbeth, 1. Sopran
- Elza van den Heever, 2. Sopran
- Elisabeta Marin, 3. Sopran
- Stella Grigorian, 1. Alt
- Jane Henschel, 2. Alt
- Johan Botha, Tenor
- Boaz Daniel, Bariton
- Kwangchul Youn, Bass
- Wiener Singakademie
- Slowakischer Philharmonischer Chor
- Wiener Sängerknaben
- ORF Radio-Symphonieorchester Wien
- Bertrand de Billy, Dirigent
Mit dem choralartigen Pfingsthymnus Veni Creator Spiritus von Orgel und Chören hebt eine Symphonie an, die ihresgleichen sucht. Denkt man vom Schlußsatz von Beethovens Neunter konsequent weiter, dann kommt man, wie eben auch Gustav Mahler, unweigerlkich zu dieser Achten (über eine Zwischenstation bei Bruckner).
In diesem kompakten ersten Satz verarbeitet Mahler, als wär’s eine Reihe von Schaffensproben, seine Beiträge zur Kirchenmusik, die er, alleinstehend, nie geschrieben hat.
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Tags: Mahler, RSO
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Selbst-Herabwürdigung
Von harbran am 21. März 2010
Das Wort vom sexuellen Missbrauch wird derzeit allerorten geführt – und leider ist festzustellen, dass schon ein grundlegendes Verständnis des Begriffes Missbrauch selber fehlt. Manche der Diskussionsbeiträge ließen sich auf Basis eines Rückgriffs auf den Wortsinn zur Gänze einsparen.
Zunächst ist der Missbrauch von seinem Beiwort zu trennen. Das Sexuelle dabei erregt die Gemüter, der Missbrauch selber tritt in den Hintergrund. Wir haben uns nicht über Jahrhunderte als Gesellschaft in Revolution auf Revolution – von der bürgerlichen bis zur sexuellen – jenen Status an Freiheit erkämpft, den wir heute genießen und den wir – nebenbei gesagt – trachten sollten, nicht nur zu erhalten sondern weiter auszubauen.
Ergebnis dieser Revolutionen ist es doch, dass Sexualität und ihre Erscheinungsformen für sich betrachtet wertfrei zu sehen sind. Was zwei oder beliebig viele Leute egal welchen Geschlechts miteinander und aneinander tun, ist deren Angelegenheit. Die Einschränkung beginnt erst dort, wo die Sexualität aufhört: die Selbstbestimmung des oder der Einzelnen darf nicht verletzt werden.
Somit bleibt vom sexuellen Missbrauch der Missbrauch: Sexualität als nur eine Methode, anderen physisch und psychisch Gewalt anzutun.
Gerade die horrenden Geschichten von Gewalt in Internaten, hinter denen sich eine Welle erahnen lässt, die viel größer und höher ist als jene des sexuellen Missbrauchs, und die, auch da haben manche Diskutanten durchaus recht, nicht allein die katholische oder Kirche überhaupt betreffen, weisen auf das Problem und seine Lösung hin.
Passieren Gewalthandlungen in öffentlichen Schulen, wird dies recht bald öffentlich und abgestellt. Hinter den Mauern von Internaten sind davon Zöglinge betroffen, deren Erziehungsberechtigte sich nicht kümmern oder kümmern können oder – gelinde gesagt – seltsamen Geistes sind.
Wolfgang Müller-Funk hat in seinem samstäglichen Kommentar im Standard die Dinge auf den Punkt gebracht: die katholische Kirche kann nicht mehr dafür, dass Missbrauch entsteht, als andere Organisationen – jedoch, und hier ist ihm zu widersprechen – sie hat diese Dinge noch nie ernst genommen und noch nie etwas dagegen unternommen. Dass ihre Oberen und Obersten heute kundtun, sie hätten davon keine Ahnung gehabt, ist bestenfalls Heuchelei.
Die spezifische Schuld der Kirche liegt nicht im Missbrauch, sondern im Umgang damit. Gibt es im öffentlichen Bereich solche Vorwürfe, dann folgen dem Konsequenzen. Der Leiter der Odenwaldschule zur Zeit jener nun an den Tag gekommenen Vorwürfe, Gerold Becker, wird mit Namen genannt und durch die Presse gezogen. Das ist etwas fundamental anderes, als wenn ein Bischof den Pater X. in ein anderes Kirchspiel versetzt. Die Herren Patres als Täter geniessen den Schutz der Anonymität ihrer Ordensnamen.
Man kann eine Diskussion über die Kirche und ihre Sexualmoral oder gar ihre Scheinheiligkeit führen – das ist das eine, aber nicht besonders Neue. Denn wer dieser Institution noch immer seine Zeit und sein Vertrauen schenkt, ist selber schuld.
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Neues fürs Repertoire
Von harbran am 18. März 2010
Schlecht besucht der Mozart-Saal des Konzerthauses bei einem doch gar nicht so abstossenden Programm des Zehetmair Quartett: als absolute Rarität stand eingangs das Streichquartett c-moll von Anton Bruckner auf dem Programm, danach das vom Zehetmair Quartett schon uraufgeführte Streichquartett Nr. 2 von Heinz Holliger – und nach der Pause das Streichquartett a-moll op.41/1 von Robert Schumann.
Zugegeben: Bruckner ist weder eigens bekannt für sein kammermusikalisches Schaffen, noch in irgendeiner Weise außergewöhnlich. Man hört Bruckner in reduzierter Besetzung, was einen eigenen Reiz hat, doch wahrhaft nicht zu den herausragenden Beiträgen zur Gattung gehört.
Heinz Holliger, der als Oboist und Kapellmeister bekannter ist denn als Komponist, erweist sich in dieser Rolle denn auch als weniger bedeutsam. Für manche Zuhörer war’s sichtlich eine Tortur, doch kann man nicht sagen, dass die sich auch gelohnt hat. Holliger entwickelt weder ein eigenes Idiom, noch vermag er ein tragfähiges Konzept durch alle 4 Sätze zu bringen.
Die wahre Überraschung war für mich dann aber Robert Schumann: sein Streichquartett Nr.1 in a-moll entwickelt sogar so etwas wie Kraft und hohe Spannung und klingt mithin für diesen musikalischen Weichling eher unvermutet heftig. Natürlich, der zweite und vierte Satz sind gekonnt melodisch eingefädelt, doch – vor allem der letzte – auch eruptiv.
Die zwei Damen und Herren um Violinist Thomas Zehetmair – den ich allein schon wegen seiner Einspielung der Bach-Partiten (BWV 1001-1006) überaus schätze – musizieren mit warmem Ton, technischer Brillianz und jugendlicher Frische. Vielleicht ist es ja auch das, was dem Schumann-Quartett zugute kommt. Es hat mich jedenfalls nicht bloß überrascht, sondern mit steigender Intensität mehr und mehr gefangen genommen.
Diesen Schumann werde ich in mein ständiges Repertoire aufnehmen – wer hätte das gedacht!
Tags: Bruckner, Holliger, Schumann, Streichquartett
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